Hosen runter

Punkplatten zu rezensieren ist, als würde man eine Gourmet-Kritik über eine Schale Currywurst-Pommes schreiben. Je mehr man nachdenkt, desto schlechter wird das Erlebnis. Ganz ähnlich ist das bei Punkrock. Ein Punkalbum ist „geil“ oder „scheiße“, vielleicht auch „ganz geil“ oder „relativ scheiße“, und mehr braucht es nicht zu sein.

Bei den Shitlers reicht schon ein Plattencover, um zu erkennen, dass es sich vermutlich um die Königsdisziplin „scheiße, aber geil“ handelt. Für ihr drittes Album This Is Bochum Not L.A. posieren die sonst meist bekleideten Ruhrpottler mit heruntergelassenen Hosen vor einem abgeranzten Kiosk, während Wolfgang Wendland, der sonst meist nackte Frontmann der Band Die Kassierer, angezogen und rauchend auf ihre Genitalien starrt.

Passend dazu erklärt Gitarrist Martin im Opener, er habe ein Problem mit den Frauen anderer Männer, sei narzisstisch und „objektfixiert auf deine Mudda“. Dann rotzen Gitarre, Bass und Drums unter die schiefen Vocals, und verschmelzen alles zu einem siffigen Haufen Frittenfett. Wäre Punkrock eine Imbissbude, wären die Shitlers die betrunkenen Stammgäste in der Ecke mit dem Spielautomaten.

Es erfordert Mut, heutzutage ein Punkalbum herauszubringen. In Zeiten, in denen Youtube-Rapper bei Rock am Ring spielen, und 15 der 50 meistgehörten Songs auf Spotify von der Hamburger Hip-Hip-Band 187 Straßenbande stammen. Vielleicht haben die Shitlers Mut, vielleicht ist es ihnen einfach nur scheißegal. Aber This Is Bochum Not L.A. klingt wie immer, und könnte trotzdem das frischeste Fun-Punk-Album der letzten Jahre sein.

Der Spagat funktioniert, weil die Shitlers, statt in Klischees zu bleiben, alles auseinandernehmen, was ihnen die Popkultur vor die Nase setzt. Auf This Is Bochum hat alles seinen Platz: Green Day waren geil, Dr. Helmut Kohl auch. Niemand hört Parkway Drive. Eko Fresh war ein guter Rapper, weil er immer sein Ding gemacht hat. Shindy ist zu jung. Fler ist Gott und hat immer recht.

Bloß nicht in den Audimax

Das alles meinen die Shitlers todernst, denn sie haben die Deutungshoheit gepachtet. Dass dabei ein großer Teil der Anspielungen auf Deutschrap abfällt, ist kein Zufall. Es ist die logische Konsequenz für eine Band, die ihre Musik in der Imbissbude und nicht im Audimax sehen will. Die anrennt, gegen alle Business Punks und Marketing Rockstars. Wenn die Bochumer in CCN4 ein neues Carlo-Cokxxx-Nutten-Album von Bushido fordern, ist das kein ironischer Wunsch nach mehr Trash, sondern Provokation, Asphalt und Hurensohn. Genau der maximal asoziale Themenbereich eben, den Punk besetzen sollte, um nicht zu Studentenmusik zu verkommen. Oder wie die Shitlers sagen: „Intelligenter Deutschpunk, wenn ich das schon höre, da müssen bei Ihnen sämtliche Alarmglocken angehen.“

Also schießt die Band auf This Is Bochum, Not L.A. gegen famegeile DJs, die Haftbefehl spielen, nur weil sie sein Nuscheln lustig finden. Gegen die Labels Fat Wreck und Epitaph Records, weil sie „das Genre ausdifferenzieren“ wollten. Gegen Plattensammler, die Songs auf Vinyl sammeln, die die Shitlers nicht einmal runterladen würden. Und weil sie dafür weniger als die Hälfte der CD-Laufzeit brauchen, gibt es am Ende noch einen zwanzigminütigen Abriss über Komodowarane. Scheiße, aber geil eben. Und mehr muss man auch gar nicht dazu sagen. Wir sind ja nicht im Audimax.

Erschienen im Freitag 30/17
Bild: hawaisamurai/flickr (bearbeitet, CC)

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Wenn Marxisten joggen

Auf der Spitze des Hochofens 5 weiß Peter Römmele nicht, ob er schwärmen oder schweigen soll. Unter ihm liegt der Landschaftspark Duisburg-Nord, Ankerpunkt auf der „Route der Industriekultur“ und ausgezeichnet für seine Landschaftsarchitektur. Der Stahlarbeiter verbindet mit seinem Finger die rotbraunen Klötze, die schief aus dem üppigen Grün des Parks ragen: Erzbunkeranlage, Gießhalle, Hochofen, Kaltwalzwerk. Der Beton am Fuß der Anlagen wurde von wuchernden Pflanzen aufgesprengt und der Stahl vom Regen mit Rost überzogen. Entlang der alten Transportschienen verläuft Römmeles Joggingstrecke. Er läuft sie so gut wie jeden Morgen. Römmele liebt den Park. Erst einmal schweigt er.

Dabei ist der Park ein Ort, den es, wenn es nach ihm ginge, eigentlich gar nicht geben sollte. An dem man sehe, „wie es nicht laufen sollte“. Der für all das steht, wogegen Peter Römmele seit fast zwei Jahrzehnten kämpft.

Der Landschaftspark im Duisburger Norden ist das schöne Ergebnis des schmerzhaften Niedergangs der Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Der Hochofen, von dem Römmele hinabblickt, war gerade einmal zwölf Jahre in Betrieb, bevor er wegen Überkapazitäten abgeschaltet wurde, wie seine vier Vorgänger. Zwar ist Duisburg mit rund 20.000 Beschäftigten noch heute der größte Stahlstandort Europas. Doch die Öfen im Park künden von der Vergangenheit wie von der Zukunft. Sie dienen nun als Kletterpark. Der Gasometer wurde geflutet und zu einer Tauchstation umgebaut. An den Geländern haben verliebte Paare gravierte Vorhängeschlösser angebracht.

Peter Römmele kämpft gegen diese Schließungen. Er gehört zur „MLPD-Landesleitung Nordrhein-Westfalen“ – einer Partei, die außerhalb der Stahlbranche höchstens wegen ihres markigen Namens bekannt ist: die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands. In ihrem Programm fordert sie den „Sturz der kapitalistischen Herrschaft“ und den „Sieg der sozialistischen Weltrevolution“ unter der Diktatur des Proletariats. Bei der letzten Bundestagswahl erreichte die MLPD 0,1 Prozent.

In der Stahlbranche allerdings genießen die Marxisten einen Rückhalt, der weit über dem Bundesdurchschnitt liegt. Die MLPD stellt Vertrauensleute und hat enge Verbindungen zu einzelnen Betriebsräten. Vor den Werkstoren verteilen Mitglieder Flyer, sie schreiben an Mitarbeiterzeitungen mit.

Der stärksten Gewerkschaft der Branche, der IG Metall, gilt die MLPD seit den 1970er Jahren als „gegnerische Organisation“, auf Grundlage ihres Unvereinbarkeitsbeschlusses kann sie MLPD-Mitglieder ausschließen. Aber der Stahl und die MLPD sind eng miteinander verknüpft. Nach wie vor stehen die Marxisten für kompromisslose Arbeitskämpfe. „Uns wird gesagt, der Konzern müsse Gewinne machen und wir Verständnis haben, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden“, sagt Römmele. „Wir haben dieses Verständnis nicht. Wir akzeptieren diese Profitlogik nicht.“ Natürlich sei die MLPD eine radikale Partei. „Eben eine, die immer auf der Seite der Arbeiter steht.“

Und mehr denn je sehen die Arbeiter der deutschen Stahlbranche gerade einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. 1,6 Milliarden Tonnen Rohstahl wurden 2016 weltweit gekocht, davon allein 808 Millionen, etwa die Hälfte, in China. Dahinter folgt die EU mit 162 Millionen Tonnen und rückläufiger Tendenz, während die Produktion in China, Japan und Indien stagniert oder wächst.

Tata steht vor der Tür

Deutschland liegt auf Platz sieben und hat am Weltmarkt einen Anteil von nur noch 2,6 Prozent. Gegen den Verlust an Bedeutung lobbyiert die Wirtschaftsvereinigung Stahl, ein Zusammenschluss der hier produzierenden Unternehmen; sie wehrt sich gegen den EU-Emissionsrechtehandel, fordert deutlich schärfere Anti-Dumping-Maßnahmen gegen Billig-Importe aus China und fürchtet nun zugleich eine Abschottung des US-Marktes, da Präsident Donald Trump propagiert, er würde heimische Hersteller stärken und verlorene Jobs zurückbringen.

Derweil gleicht die europäische Stahlindustrie einem Risiko-Spielbrett. Der Weltmarktführer ArcelorMittal mit Sitz in Luxemburg und Zentrale in London sowie der indische Hersteller Tata Steel teilen einen Großteil der Produktionsstätten unter sich auf. Arcelor und Mittal, einst die größten Stahlproduzenten der Welt, fusionierten 2007 und halten Werke in Deutschland, den Niederlanden, der Ukraine und Polen. Der Stahlhersteller Corus, eine Fusion aus Königlich niederländische Hochöfen und British Steel, gehört heute zu Tata. Das könnte bald auch für Thyssenkrupp gelten.

Längst investiert der Konzern nicht mehr in die Stahlproduktion, sondern in Aufzugsanlagen, Tagebautechnik oder Rüstungsgüter. Am liebsten würde die Konzernspitze die Stahlsparte sofort abstoßen, um diesen schwierigen Posten aus der Bilanz zu tilgen. Werke in den USA und Brasilien hat sie bereits verkauft.

Seit mehr als einem Jahr laufen Verhandlungen mit Tata über eine europäische Stahl-Allianz. Zuletzt machten Vermutungen die Runde, dass sich Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit einer Minderheitsbeteiligung für Thyssenkrupp zufriedengeben könnte. Dass die Fusion kommt, daran zweifelt niemand mehr. In Kreisen der IG Metall gilt als wahrscheinlich, dass das Memorandum of Understanding diesen Sommer veröffentlicht wird. Die Fusion, da ist man sich sicher, wird Schließungen bedeuten. Schon bekannt sind die Sparpläne für die Stahlbranche: 500 Millionen Euro will Thyssenkrupp im Laufe der nächsten drei Jahre in der Stahlproduktion einsparen – auch über Personalkosten.

Ein blaues Firmen-Poloshirt für ihn sei da wohl auch nicht mehr drin, sagt der Pförtner an Tor 4, bevor er Julia Willms an einem heißen Julimorgen auf das Thyssenkrupp-Gelände im Dortmunder Osten lässt. Willms ist Auszubildende, statt des üblichen Pütthemds trägt sie heute das hellblaue Polohemd mit Firmenlogo, vor einem Jahr hat sie es zum Ausbildungsbeginn geschenkt bekommen. Ob er auch so eines bekommen könne, scherzt der Pförtner. Willms verspricht nachzufragen. Der Pförtner lacht, winkt ab und verschwindet in seinem Häuschen.

Willms ist Jugendauszubildendenvertreterin (JAV) am Standort Westfalenhütte. 1871 von Stahlunternehmer Leopold Hoesch gegründet, ist das Werk bis heute untrennbar mit der Geschichte Dortmunds verknüpft. Nach dem Krieg war es einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Werksarbeiter machten den angrenzenden Borsigplatz zum Mittelpunkt der schwarz-gelben Fankultur. 2001 legte Thyssenkrupp den letzten Hochofen still. Arbeiter bauten das komplette Stahlwerk ab und in China wieder auf. Heute wird hier nur noch gewalzt, veredelt und feuerbeschichtet.

Willms’ Großvater war Tischler in Dortmund, der Vater ebenso. „Ich wäre sowieso keine Büromaus geworden“, sagt die 21-Jährige. Zusammen mit vier weiteren „JAVs“ teilt sie sich ein kleines Büro im zweiten Stock über der Auszubildendenwerkstatt. 123 der 960 Azubis in der Stahlspartewerden hier angelernt. Wie lange noch, weiß Willms nicht. Es geht das Gerücht um, im Falle einer Fusion werde nur noch in Duisburg ausgebildet. „Unser Werk geht mehr oder weniger zugrunde, wenn die Alten gehen“, sagt Willms. „Würden wir nicht angelernt und übernommen werden, könnten wir das Werk nicht halten.“

„Halten“ ist ein Wort, das sie in Dortmund häufig benutzen. Es offenbart den Fatalismus, der viele Azubis umgibt. Bewahren, was geht. Weitermachen, wie immer. Wenn Willms ihren Kollegen von Versammlungen erzählt, auf denen Gewerkschafter Strategien gegen Sparpläne und Fusion erörtern, dann hört sie oft: „Können wir eh nichts dran ändern, also was soll’s.“ Zum letzten Streik in Duisburg seien sie mit drei Bussen gefahren, sagt Willms. „Eigentlich hätten wir 20 vollmachen müssen.“

Wie damals in Rheinhausen

Angst um ihre persönliche Zukunft hat die 21-Jährige nicht. Die Ausbildung bei Thyssen ist gut, sie fände wohl auch anderswo einen Job, erst einmal wird sie als JAV-Mitglied sowieso fest übernommen. Ohnehin wurden in den letzten Jahren alle Azubis übernommen. Bei einer Fusion wird das kaum so bleiben.

Auf den Stufen des stillgelegten Duisburger Stahlwerks sagt Peter Römmele: „Die MLPD hat sich immer für die Übernahme aller Azubis und Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich eingesetzt und sich für entsprechende Tarifverträge engagiert.“ Große Teile der IG Metall sehen das anders. „Wir haben noch nie erlebt, dass die MLPD auch nur irgendetwas gelöst hätte“, heißt es aus Betriebsratskreisen. Die Azubi-Übernahme etwa sei nur möglich gewesen, weil im Gegenzug auf vollen Lohnausgleich verzichtet worden sei. Die MLPD wiederum fühlt sich mit einem „antikommunistischen Bannstrahl“ belegt und bezichtigt Betriebsräte der Gewerkschaft, sie betrieben „Co-Management“ – mit diesem Argument sammelte etwa eine MLPD-nahe Betriebsrätin zuletzt in Dortmund Unterschriften dagegen, dass ihr die Mehrheit des Gremiums keinen eigenen Betreuungsbereich zugesteht. IG-Metall-Betriebsräte antworteten mit einem Schreiben an die Belegschaft, in dem sie der Frau vorwarfen, die Parteidoktrin der MLPD sei ihr anscheinend wichtiger als die Vertretung der Interessen der Kollegen. Und von wegen „Co-Management“: Ihre Umsetzung auf Frühschicht bei kompletter Entgeltabsicherung samt Diensthandy durch den Arbeitgeber habe sie selbst ja „wohlwollend“ angenommen. Immer wieder entsteht Streit: Gewerkschafter verlassen den Saal, wenn MLPDler zu reden beginnen. Beim Stahlaktionstag im Mai in Duisburg mit 7.500 Beschäftigten gab es Furore, weil moderate Gewerkschafter MLPD-Leute ausschließen wollten.

Eigentlich sind sich beide Kräfte einig, was sie wollen: gegen Sparpläne und Stellenabbau kämpfen. Nur bei der Umsetzung bröckelt die Einheit. Die MLPD setzt auf rigorosen Arbeitskampf. „Mit den üblichen Mitteln, die das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht, wird es nicht gehen“, sagt Römmele. „Ich brauche keine Angst davor zu haben, dass die Belegschaft auf die Straße geht und sich vielleicht nicht an alles hält, was vom Bürgerlichen Gesetzbuch noch erlaubt ist.“ Die Arbeit der MLPD sei eine „Gefahr für den Konsens“, heißt es dagegen bei der IG Metall.

Römmele will keinen Konsens, vorerst zumindest nicht. Wenn er von Arbeitskampf redet, kommt er oft auf Rheinhausen zu sprechen und meint damit die Wochen im Winter 1987/88: Die Krupp AG hatte die Schließung des Hüttenwerks in Duisburg-Rheinhausen verkündet – was folgte, war ein Arbeitskampf, der bis heute für viele Stahlarbeiter legendär ist: Gewerkschafter bildeten Menschenketten, errichteten Straßensperren und stürmen die Tagung des Aufsichtsrats. Im Februar 1988 spielten die Toten Hosen, Rio Reiser, Herbert Grönemeyer und Klaus Lage vor 47.000 Menschen im Walzwerk. Nach 160 Tagen endete der Arbeitskampf. Fünf Jahre später schloss Rheinhausen. Ein Sieg war es trotzdem.

Zum einen, weil niemand arbeitslos wurde. Zum anderen, weil Rheinhausen einen Mythos begründete, von dem Gewerkschafter bis heute zehren. Der zeige, dass jeder Arbeitskampf mit Aufklärung über den Kapitalismus verknüpft sein müsse, sagt Römmele. „Wer sind die Eigentümer der Produktionsmittel? Wieso werden sie nicht enteignet und die Produktionsmittel in Gemeineigentum überführt? Wieso bestimmen nicht die Arbeiter?“

Angesichts der drohenden Fusion mit Tata will auch Julia Willms den Arbeitskampf bis zum Ende führen. Um eine bessere Einigung zu finden, könne man nie genug streiken. Mit der MLPD will sie trotzdem nichts zu tun haben. Es gebe wichtigere Probleme als ideologische Grabenkämpfe. Dann lacht sie. „Die meisten haben doch ohnehin so gut wie abgeschlossen“, sagt Willms und blickt aus dem Fenster auf das riesige Areal der Westfalenhütte. Eigentlich eine schöne Joggingstrecke.

Erschienen im Freitag 30/2017

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Ohhh, Kurt Corbyn!

Fangesänge sind eine zweifelhafte Musikgattung. Häufig wildern sie bei alten Gassenhauern und betexten sie neu, mit allem, was in der Welt des Fans wichtig ist: Fußball, Frauen, Alkohol. Ein Thema, das in Fangesängen praktisch nie eine Rolle spielt, ist Politik. Es wäre eine echte Überraschung, sollte sich nachträglich herausstellen, dass So gehen die Gauchos auf die desolaten Arbeitsbedingungen argentinischer Farmer aufmerksam machen sollte.

Umso verwunderlicher daher, dass der Fangesang, der vergangenes Wochenende quer über das Glastonbury-Festival in England gegrölt wurde, keinem Musiker oder Fußballgott galt, sondern Jeremy Corbyn. Gesungen auf die leidgeprüfte Melodie von Seven Nation Army, schallte der Name des Labour-Chefs von der Pyramid-Stage über die Planwagen auf dem Campgelände bis zur Silent Disco. Wenn schon auf einem Floor gesungen wird, auf dem keine Musik läuft, sollte klar sein: Jeremy Corbyn ist der Rockstar von Glastonbury.

Sprung nach Deutschland: Während Corbyn der jubelnden Masse in Glastonbury zuruft, man wolle „Brücken, keine Mauern“ bauen, steigt Martin Schulz mit Sparkassenkrawatte und Bausparmentalität zu Viva la Vida von Coldplay auf die Bühne des SPD-Parteitags in Dortmund. „I used to rule the world“, singt Chris Martin da, und wer auch immer bei den Genossen die Musikauswahl trifft, scheint zumindest Sinn für Humor zu besitzen.

Für eine kurze Zeit dachten wir, Martin Schulz wäre unser Rockstar. Das war vor einem halben Jahr, als der Gottkanzler die Umfragen torpedierte und verkündet wurde, der Schulzzug habe keine Bremsen. Jetzt, drei Monate vor der Bundestagswahl, gleicht der einer verspäteten Regionalbahn mit zerkratzten Fenstern, defekter Klimaanlage und Plastikpinnchen im Mülleimer. Nicht einmal der hartgesottenste Juso könnte sich erträumen, wie Martin Schulz unter Fangesängen bei Rock am Ring von sozialer Gerechtigkeit redet, und anschließend Rammstein ankündigt. Jeremy Corbyn war vor kurzem Titelgesicht der britischen Metal-Bibel Kerrang!. Schulz erwartet man höchstens auf dem ADAC-Mitgliedermagazin.

Klar: Dass Jeremy Corbyn Rockstar-Status genießt, liegt auch an einem Mangel an Alternativen. Der Labour-Chef kämpft gegen eine Premierministerin, die so Rockstar ist wie Tante Fanny auf Melissengeist. Eine Premierministerin, die sagt, das Unanständigste, was sie je gemacht habe, sei, als Kind durch ein Weizenfeld gelaufen zu sein. Angela Merkel würde vielleicht eine ähnliche Antwort geben. Aber sie lässt sich erst gar nicht zu solchen Antworten hinreißen. Stattdessen verkündet sie, im August die Gamescom einzuweihen. „One minute I held the key, next the walls were closed on me“, würde Chris Martin dazu sagen.

Gut möglich also, dass wir den nächsten Rockstar rechts der Mitte finden. Christian Lindner etwa posiert auf Instagram mit Laserschwert und streamt live – zwar nicht aus Glastonbury, aber immerhin von seinem Balkon. Eine junge, deutsche Band als Partner zu finden, dürfte für ihn aber schwierig werden, nachdem Schwarz-Gelb in NRW die Mieten erhöht und die Uni privatisiert hat. Aber vielleicht tritt ja bald Dorothee Bär vor Helene Fischer auf. Oder Markus Söder vor Andreas Gabalier. Das wäre zwar ungefähr so Rock ’n’ Roll wie der betrunkene Onkel, der zu Born in the USA Luftgitarre spielt, um anschließend von seiner erbosten Frau zum Ausnüchtern in den familieneigenen VW-Multivan geschickt zu werden. Aber was erwartet man auch von einem Land, in dem der größte Rocksong Wind of Change ist.

Erschienen im Freitag 26/2017

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Bierbike

Als Kolumbus 1492 Amerika entdeckte, brachte er den Ureinwohnern Messingglöckchen und bunte Mützen. Wenn heute eine westdeutsche Reisegruppe Berlin entdeckt, fährt sie mit dem Bierbike das Reichstagsufer entlang, ruft „Ker watt schön“ und nötigt den Fahrer, „mal was von Olaf Henning“ zu spielen. Bierbikes sind fahrbare Mobiltresen, eine verkümmerte Kreuzung aus Hawaiibar und Dorfkneipe. Sie verstoßen vielleicht nicht gegen die StVo, dafür aber gegen sämtliche Regeln des Anstands.

Wem das egal ist, dem bietet das Bierbike viele Vorteile: Mit zwei Promille spart man sich die leidigen Gespräche mit Touristenführern, Einheimischen oder Polizisten, kann vom Sitz aus in die Spree pinkeln und kommt in den Genuss von (mindestens) zwei Fernsehtürmen. Tipp an die Veranstalter: Wenn so viel getrunken wird, dass sich am nächsten Tag niemand mehr an die Tour erinnern kann, ist die Chance groß, dass abends wieder dieselbe Gruppe auf dem Rad sitzt. Kundenbindung und so.

Aus: Der Freitag 19/17

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Tinder-Sirenen: Erst anlocken, dann kastrieren

Immer wieder kommt es vor, dass der Wissenschaft Erstaunliches gelingt. Etwa Fotos von der Marsoberfläche oder die Erkenntnis, dass sich Hunde am Magnetfeld der Erde ausrichten, wenn sie ihr Geschäft verrichten. Dann gibt es Tage wie den Mittwoch der vergangenen Woche, an dem der US-amerikanische Studentenkreditfinanzierer LendEDU seine Tinder-Studie veröffentlichte. Tinder, das ist eine Dating-App, auf der sich karohemdtragende Studenten mit „Work hard, play hard“-Attitüde durch einfaches Wischen auf dem Smartphone zu Sex mit minifahrenden Privatstudentinnen, die „nächstes Jahr unbedingt zum Tomorrowland-Festival wollen“, verabreden (und umgekehrt). Dachte man zumindest. Denn die Studie kommt zu einer überraschenden Erkenntnis.

„Halt“, werden Sie jetzt vielleicht sagen, „was interessieren mich Studien über brunftige Millennials! Forscht lieber weiter an diesen Hunden, die ihre Haufen erdmagnetisch korrekt platzieren!“ Der oder die biologisch Interessierte ahnt jedoch, dass wir es hier mit einer Entdeckung Humboldt’schen Ausmaßes zu tun haben – einem Einblick in ein bisher unbekanntes Biotop: Weil normales Dating (Dinner, Kino, Tanzkarten) offenbar einem Großteil unserer Gesellschaft zu kompliziert geworden ist, hat sich auf Tinder eine steinzeitlich anmutende Parallelwelt entwickelt, in der datingscheue Lebewesen ihren Trieben nachgehen.

Grob lassen sich die Lebewesen der Tinderwelt in zwei Hauptarten unterteilen:

  1. Die Primaten (Homo erectus): halbstarke Vollaffen und -äffinnen, im gnadenlosen Überlebenskampf mit ihren Artgenossen, Hobbys: Reisen, Partys, Workout. Diese Primaten sind die Einzigen, die Tinder richtig verstanden haben. Und so sehen sie ihre Hauptaufgabe darin, sich in permanentem Beischlaf selbst zu erhalten.
  2. In ihrem Schatten leben laut Studie rund vier Prozent Romeos. Im Gegensatz zu den Primaten glauben diese daran, auf Tinder die wahre Liebe finden zu können. Tatsächlich taumeln sie betrunken durch die Gärten Veronas, ohne jemals den Balkon zu finden.

Der Durchbruch der Studie liegt allerdings in der Entdeckung einer dritten Spezies: der Sirenen. Sirenen sind die evolutionäre Speerspitze des Tinderversums – und zugleich seine größte Bedrohung. Denn die Forschung zeigt: Anders als Primaten ziehen Sirenen ihre Selbstbestätigung nicht aus faktischem Geschlechtsverkehr. Ihnen reicht schon die theoretische Möglichkeit dazu.

Sirenen tindern aus reinem Narzissmus, und locken wackere Primaten an – um sie dann vor dem Akt in freudscher Manier zu kastrieren. Etwa indem sie sich plötzlich nicht mehr melden oder über fehlende Bauchmuskeln, zweifelhafte Selbstdarstellung oder mangelhafte Rechtschreibung herziehen. Die Studie beziffert die Sirenenpopulation bei Tinder auf 44 Prozent. Die katastrophale Konsequenz dieser biologischen Inversion: Wohin mit all den Primaten, hunderttausenden wackerer Artgenossen, die mit der Angst leben müssen, beim nächsten Kontakt der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden? Da kann man ja gleich wieder wie früher mal ins Kino gehen und Tanzkarten verteilen!

Die Entdeckung der Tinder-Sirenen gleicht einem erdmittelalterlichen Meteoriteneinschlag. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Terra X (Die Macht der Sexmonster), Harald Lesch (Verursachen Sirenen Gravitationswellen?) und Guido Knopp (Hitlers Helfer: Nazisirenen) der Sache annehmen. Sie sehen: Auch schwachsinnige Studien können Erkenntnisse bringen. Man muss sich nur sehr, sehr viel Mühe geben.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/17.

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„Diese Erregungsbereitschaft finde ich unappetitlich“ – Armin Rohde über Schauspielerei und Facebook

Manchmal wirkt es, als hätte Armin Rohde seine Herzfrequenz mit seinem Facebook-Account getaktet. An stillen Tagen sind es ein bis zwei Posts, Ruhepuls. Aber wenn es lauter wird und die Welt aus den Fugen gerät, postet er im Akkord. Während sich andere über die leere Straße vor dem Trump Tower oder Berliner Postfilialen beschweren, beginnt Rohde zu lesen. Dann teilt er politische Artikel, empfiehlt Videos und Kommentare. Der Bochumer ist einer der wenigen deutschen Schauspieler, die sich offen im Netz gegen rechts positionieren. In Zeiten von Trump, Pegida und AfD wird er nicht selten dafür angefeindet.

Als Armin Rohde aus der Winterkälte in das Café tritt, sieht er aus, als wolle er auf einem Fischschutzboot Walfänger jagen: dichter Bart, mittellange Haare, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er trägt zwei Smartphones, eins in jeder Hand. Er stapelt sie auf dem Tisch, dann setzt er sich.

Herr Rohde, es ist jetzt 16 Uhr. Wie viel Zeit haben Sie heute schon auf Facebook verbracht?
Armin Rohde: 20 Minuten vielleicht.

In den letzten Wochen scheint es Ihnen Trump angetan zu haben.
Seit dieser Mann gewählt wurde, habe ich das Gefühl, in einem Paralleluniversum zu leben. Ich werde im April 62 Jahre und muss meinen Realitätssinn neu eichen.

Weil Sie nicht geglaubt haben, dass es so weit kommt?
Weil ich das Phänomen nicht begreife. Da schiebt dir einer die geladene Knarre in den Mund und sagt: „Wenn ich abdrücke, bist du tot.“ Und die Leute sagen: „Ist das geil, der sagt die Wahrheit.“

Diese Leute kommentieren auch unter Ihren Beiträgen. Es gab sogar Morddrohungen. Warum tun Sie sich das überhaupt an?
Ich habe mit Facebook angefangen, um vielleicht den ein oder anderen vor einem politischen Irrweg bewahren zu können.

Aber?
Facebook ist eine Selbstbestätigungsblase, in der wir uns vergewissern, dass wir die Klügeren sind. Wir fordern, die Welt möchte sich bitte nach unseren Sehnsüchten richten. Tut sie aber nicht.

Wieso widmen Sie dieser Selbstbestätigung dann so viel Zeit?
Das ist einfach meine Art, um meine Enttäuschung loszuwerden. Und mich zu vergewissern, dass es immer noch Leute gibt, die ähnlich denken wie ich.

Eine öffentliche Selbsttherapie?
Eher ein politisches Tagebuch.

Um Betroffenheit?
Betroffen sein hilft nicht. Robert De Niro hat über Trump gesagt, er würde ihm gern ins Gesicht schlagen. Ich kann diesen Wunsch durchaus nachvollziehen. Aber ich würde mir einen Satz wünschen, der produktiver ist.

Werden Sie altersweise oder altersradikal?
Ich bin kein Che Guevara, ich kann kein Maschinengewehr schultern. Ich bin aber auch kein Politiker.

Es scheint ja nur diese Optionen zu geben: altersweise, wie Helmut Schmidt – oder altersradikal, wie Grass oder Sloterdijk.
Sloterdijk ist ein vollkommen überschätzter Typ. Schreiben Sie das. Sloterdijk ist ein Schwätzer, ein eitler Wichtigtuer. (Es folgen diverse Schimpfworte).

Wie wollen Sie gesehen werden?
Keins von beidem. Das interessiert mich nicht. Mir ist wichtiger, dass Menschen über das nachdenken, was ich sage. Auf Brechts Grabstein steht „Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen.“ Den politischen und intellektuellen Horizont Brechts habe ich nicht. Aber ich würde mir wünschen, dass wenigstens ein paar sagen: „Da könnte er recht gehabt haben.“

Erleichtert oder erschwert das Internet es, Gedanken zu teilen?
Sowohl als auch. Einerseits habe ich mein Pressebüro immer in der Hosentasche. Ich muss keinen Pressetag einlegen, wenn ich irgendeinen Gedanken zur Welt loswerden muss. Das mache ich auf Facebook. Andererseits werden wir im Netz mit so vielen Gegen-, Misch- und Zwischenmeinungen konfrontiert, dass wir uns lieber wieder ratlos auf unseren alten, dummen Standpunkt zurückziehen, mit dem wir uns sicher gefühlt haben. Wir sind nicht geübt darin, andere Meinungen gelten zu lassen. Wir wollen immer noch mit dem Schwert losziehen.

Warum bekommen gerade die mit dem Schwert so viel Zuspruch?
Gegenfrage: Warum bekommen gerade solche Schreihälse so viel Forum?

Sie erreichen eine Menge Leser.
Aber diesen verstörten Persönlichkeiten kommt doch keine Wichtigkeit zu, nur weil drei Millionen Leuten ihr Facebook-Post gefällt. Denen geht es nicht um Lösungen, nur um Aufmerksamkeit. Journalisten und Politiker, die täglich damit zu tun haben, sollten diese Masche eigentlich leicht durchschauen können. Wenn ich das schon schaffe. Und ich bin kein Journalist, Politiker oder Sozialwissenschaftler. Ich habe nicht einmal Abitur.

Dabei hatten Sie als Arbeiterkind den Luxus, auf das Gymnasium zu gehen.
Mein Vater war erst unter Tage, später in einer Fabrik, dann Handwerker. Ich habe meine Eltern ihr Leben lang hart arbeiten sehen, damit sie uns vier Kinder in trockenen Tüchern hatten. Das Gymnasium wurde bei uns gehandelt wie das Ticket zur großen Welt. Aber zum Großteil war es vertane Zeit.

Wieso?
Ich war ein junger Heißsporn, ein erklärter Feind der bürgerlichen Gesellschaft. Das elterliche Zuhause war mir zu eng, die Schule sowieso. Ich hatte bei Lehrern Unterricht, die schon bei den Nazis unterrichtet haben. Wir haben die Schülerzeitung herausgegeben und waren als links verschrien, weil wir keinen Frontalunterricht mehr haben wollten. Je weniger du daran geglaubt hast, desto schlechter wurden die Noten. Letzte Konsequenz war, dass ich nach 13 Jahren ohne Abitur gegangen bin.

Was haben Sie nach der Schule gemacht?
Ich fühlte ich mich wie der Held der Arbeiterklasse – jung, allein, vom Gymnasium geschasst. Ich habe mir meine Locken mit der Nagelschere abgeschnitten und kahlköpfig wie ein buddhistischer Mönch in der Stahlfabrik geschuftet. Habe mir selbst Brandwunden zugefügt, um zu zeigen, dass ich kein Gymnasiast mehr war, sondern arbeitete und Geld verdiente.

Eine Trotzreaktion?
Hätte es damals schon Facebook und Twitter gegeben, wäre das Netz heute noch voll von Bildern von mir, mit rußigem Kahlkopf und Brandnarben an den Armen. Das war natürlich Attitüde. Aber aus Attitüde schaufelt man kein halbes Jahr lang Eisen.

Und dann sind Sie lieber Schauspieler geworden?
Ich habe schon früh im Wald mit meinem Bruder Winnetou gespielt. Aber die erste Hälfte meines Lebens habe ich gelebt wie „kurze Hose, Holzgewehr“. Als ich mit 24 an der Schauspielschule anfing, war ich von einer Naivität, die für andere schwer vorstellbar ist. Politisch bin ich erst hier in Bochum erwacht, in meiner Theaterarbeit mit Frank-Patrick Steckel. Ein sehr kluger linker Kopf.

 

Diese Leute wollen eine Diktatur, aber bitte mit viel Geld in den Taschen und Reisefreiheit.

 

 

Sie schreiben in Ihrem Buch „Größenwahn und Lampenfieber“, die Schauspielerei sei Ihre „primäre Möglichkeit, um die Welt begreifbar zu machen“. Wie viel wollen Sie denn arbeiten, um sich Phänomene wie Trump und die AfD begreifbar zu machen?
Dazu reicht der Schauspielberuf bei Weitem nicht aus – obwohl er viel mit Empathie zu tun hat. Damit, menschliches Verhalten zu begreifen. Meine Aufgabe als Schauspieler besteht darin, einen Satz so weit zu sezieren, bis ich ein genaues Empfinden dafür habe, warum er auf diese und auf keine andere Art gesagt werden muss. Diese Genauigkeit ist wahnsinnig schmerzhaft. Im Grunde sitzen Sie ständig einem Röntgengerät gegenüber.

Und das hilft dabei, einen Trump oder eine Petry zu verstehen?
Ja. Je expliziter sich jemand äußert, desto mehr Anhaltspunkte gibt er für diese Art von Analyse.

Und was sehen Sie auf deren Röntgenbildern?
Gier. Eine unfassbare Riesengier. Wenn man hört, wie sich Menschen in der AfD oder Pegida äußern, dann denkt man: Diese Leute wollen eine Diktatur, aber bitte mit viel Geld in den Taschen und Reisefreiheit.

Schauspielerei oder Facebook: Wie bekehrt man die Menschen eher?
Bekehren nicht, eher beeinflussen. Wenn ich jemanden gespielt habe, der obdachlos war, habe ich nicht einen „Penner“ gespielt. Sondern einen Menschen, der Arbeit, Familie und Sicherheit verloren hat und deswegen jetzt unter anderen Umständen lebt. Ich lache mit meinen Figuren, aber nie über sie. Ich gebe sie nicht der Lächerlichkeit preis. Ich beschütze sie.

Woher kommt diese Einstellung?
Ich hatte damals in der Schule einen guten Freund, der sich kurz vor dem Abitur das Leben genommen hat. Was ich vertrete, waren auch seine Werte. Als er damals starb, habe ich ganz naiv und post-pubertär gedacht, ich müsse seine Werte mit hochhalten. Sein ungelebtes Leben mit auf meine Schultern nehmen. Dieses Gefühl begleitet mich noch heute.

Sie haben auch einen traurig prominenten Großvater.
Mein Großvater war ein Schläger, Massenmörder, Denunziant, von der ersten Sekunde an.

Wann haben Sie davon erfahren?
Vor fünf, sechs Jahren. Das war eine Dokumentation für den WDR. Wir standen einen Vormittag im Staatsarchiv in Düsseldorf. Mir wurde eine Akte vorgelegt, auf der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stand, und darunter der Name meines Großvaters. Da bin ich erst mal zusammengebrochen.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Man hofft natürlich, dass der eigene Großvater kein Nazi war. Vielleicht sogar im Widerstand. Oder wenigstens nur ein harmloser Mitläufer. Aber mein Großvater war kein Mitläufer. Der war von Anfang an dabei. 1932 stand er schon mit dem Fotoapparat vor jüdischen Geschäften und hat Fotos von Kunden gemacht, um sie anschließend zu denunzieren. Da ist nichts zu verharmlosen. Nach der Aktenlage hätte er lange ins Gefängnis gemusst. Er ist aber freigesprochen worden.

Nimmt Sie das besonders in die Pflicht?
Natürlich nimmt mich das in die Pflicht. Warum sollten jemals Söhne wieder Väter haben, für die sie sich derart schämen müssen? Heute weiß ich, was meine Mama all die Jahre gequält hat.

Haben Sie nie das Verlangen, einfach klein beizugeben?
Ich glaube nicht, dass ich das kann. Das ist mein Naturell. Ich kann es mir tatsächlich nicht anders vorstellen.

Erschienen im Freitag Ausgabe 08/17 und auf freitag.de

Warum das Dschungelcamp den Shark gejumpt hat

Wenn es um Serien geht, gibt es in den US-amerikanischen Medien den Ausdruck „Jumping the Shark“ – den Hai überspringen. Er steht für den Punkt, an dem ein Format seinen kreativen Höhepunkt überschritten hat. Die Formulierung leitet sich aus der Serie Happy Days ab, deren Qualitätsverlust in dem Moment offensichtlich wurde, in dem Hauptfigur Fonzie mit Wasserskiern über einen Hai sprang. Es gibt viele Serien, in denen der Zuschauer einen exakten Punkt ausmachen kann, an dem die Sendung den Shark gejumpt hat. Etwa als Hauptcharakter Eric Forman die wilden Siebziger verließ. Oder als alle Nerds aus Big Bang Theory plötzlich Freundinnen hatten.

Das Dschungelcamp hatte seinen Shark-Moment mit dem Einzug der Kandidaten in der aktuellen Staffel. Jahrelang hatte der Zuschauer die Gewissheit, jeden Abend zwar abgenutzten, aber schadenfrohen TV-Trash serviert zu bekommen. 2017 gibt es keine Schadenfreude. Stattdessen siegt die Einsicht, dass es besser wäre, einfach ins Bett zu gehen. Das hat zwei Gründe.

Der Tarzan-Effekt

Staffel für Staffel sind die einstigen Showdinos (Costa Cordalis, Brigitte Nielsen, Rainer Langhans, Helmut Berger) Protoprominenten gewichen, die sich permanent selbst zu recyceln scheinen. In der elften Auflage sehen wir eine Gruppe, die in Realityformaten groß geworden ist: Kader Loth wurde schon vor Jahren bei Die Burg ins Badewasser gepinkelt. Florian Wess, der „Botox-Boy“, war erst Mitten im Leben und dann mit Helmut Berger zusammen. Und Sarah Joelle und Mallorca-Jens haben vor der Kamera nie etwas anderes gemacht, als Superstar, Schlagerstar oder Auswanderer zu spielen. Keine dieser Personen hat ihr Trash-Image gezwungenermaßen. Eigentlich fühlen sich hier alle pudelwohl – allen voran Alexander „Honey“ Keen, der zwar betont, er habe zwei Bachelor und könne drei Fremdsprachen, dann aber trotzdem lieber schnell damit berühmt werden will, Karies im Backenzahn der letzten Germanys-Next-Topmodel-Gewinnerin gewesen zu sein. Und der letzte noch verbliebene Erstligist, Thomas „Icke“ Häßler? Der schweigt sich aus.

Das Influencer-Diplom

Wer heute noch ins Dschungelcamp geht, geht nicht wegen der Gage von RTL. Ich bin ein Star, holt mich hier raus! hat sich längst zum Trash-Harvard entwickelt, dessen einziges Aufnahmekriterium ein unhaltbarer Drang zur Selbstvermarktung ist. Als Fallstudie reicht ein Blick auf „Honeys“ Instagram-Profil: Honey, halb nackt vor einem Spiegel. Honey, mit einem Martiniglas in der Hand in die Kamera prostend. Honey, putinesk mit wehender Mähne auf einem Pferd. „Honey“ funktioniert wie eine Markenstrategie: Aufmerksamkeit erhöhen, Likes generieren, Conversion steigern. Auf Instagram reichen ein paar tausend Follower, damit Modefirmen und Proteinshake-Companies die Bude einrennen. Vor dem Dschungel war die Marke „Honey“ gerade einmal gut genug, um Aldipullis zu verticken. Im Dschungel steigt sie auf in die Liga der Fitnessriegel und Haarpflegeprodukte.

Trashresistente Prominente, Influencer geile Werbemacher; beides führt dazu, dass es dem Dschungel an dem mangelt, was ihn mal faszinierend gemacht hat: Authentizität (oder zumindest der Anschein davon). In den ersten Staffeln hatte der Zuschauer noch das Gefühl, leidende Prominente zu sehen, die nichts sehnlicher wollen, als zurück in die Heimat zu fliegen. Jetzt sehen sie zehn Eigenmarken, die vorschriftsmäßig um PR buhlen. Statt genüsslichem Voyeurismus erlebt das Publikum eine zweiwöchige Dauerwerbesendung. Manchmal ist es besser, vom Shark gefressen zu werden.

 

Dieser Beitrag erschien im Freitag 03/17.