Meinungsmache mit dem Weihnachtsmann

Allerspätestens seit bildblog.de wissen wir wie heutzutage oftmals ohne Recherche, ohne Hintergrundinfos, ohne sich vernünftig damit auseinanderzusetzen, Randale gemacht wird. Aus der Vielfalt des digitalen Journalismus schaffen es leider meistens nur die verkürztesten, polemischsten Artikel in die sozialen Netzwerke. Fast schon als müsste man ein um das deutsche Gemeinwohl besorgter Mitbürger sein, der sich den Frust von der Seele schreibt. Aktuell wettert unter anderem indexexpurgatorius.wordpress.com „Berlin verbietet Weihnachten“:

„Heute schreiben wir das Jahr 2013 und da die westlichen Politiker etwas langsam sind, aber dennoch gerne auf Forderungen aus dem Orient eingehen und diese unterwürfigst erfüllen, haben nun die berliner Politiker Weihnachten einfach verboten. Und damit sich die Moslems nicht diskriminiert fühlen, darf auch keine Dekoration aufgehängt werden und andere christliche Feste werden auch gestrichen.“

Die Informationen dafür nimmt er aus einem Artikel der B.Z., die immerhin um einiges größer, aber als Tochterunternehmen der Axel Springer AG auch nicht weniger prädestiniert für Polemik, Volksverhetzung und zweifelhafte Recherche ist. Selbst die B.Z. erklärt aber, anders als der Schmalspurjournalist in seinem Blog, wenigstens, wie es dazu gekommen ist:

„Hintergrund des Weihnachtsverbots: Im August wollten Islame das Ende des Ramadans auf Berlins Straßen feiern. Es gab Beschwerden von Anwohnern wegen befürchteten Lärms. Darauf machte das Bezirksamt ‚kurzen Prozess‘ und verbot gleich alle religiösen Feste – darunter auch Weihnachten, aus ‚Gründen der Gleichbehandlung‘.“

Der Titel „Berlin verbietet Weihnachten“ ist also nur die halbe Wahrheit. „Berlin“ verbietet das öffentliche Feiern Weihnachtens genauso wie des Ramadans, Hanukkahs, oder des heiligen Spagettimonsters. Und „Berlin“ verbietet die Weihnachtsfeierlichkeiten nicht aus Angst vor Diskriminierung oder aufgrund von „Forderungen aus dem Orient“, sondern weil sich intolerante Anwohner im Vorfeld  über eine mögliche Lärmbelästigung zu islamischen Feierlichkeiten beschwert haben.

Man könnte religiöse Feierlichkeiten als kulturelle Vielfalt und Möglichkeit zum kulutrellen Austausch sehen. Man könnte sich über die Initiative der Religionsgemeinschaften, das Ende des Ramadans auf den Straßen Berlins zu feiern, als Zeichen der Identifikation mit der Stadt und ihren Bürgern, als Zeichen der Integration sehen. Oder man ruft in Voraus bei der Polizei an, um nachmittags nicht beim „Mitten im Leben“-Gucken gestört zu werden. Wer sich lieber derartig in seinen eigenen vier Wänden verkriecht, kann auch an Weihnachten getrost zuhause bleiben.

Fast genauso schlimm ist aber die Art, die Richtung, mit der darüber berichtet wird. Nicht, weil die B.Z. den Artikel unter „Berlin verbietet Weihnachten“ zusammenfasst (denn das ist ja für Springer nichts neues), sondern wie es in Blogs übernommen und zusammengestutzt wird, um dem besorgen Mitbürger in den Mund zu reden. Natürlich muss man als Salzkorn in der Blogsuppe irgendwie Aufmerksamkeit erregen. Aber bitte nicht um diesen Preis.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s