Das Leben als Chart

Die erste Handbewegung nach der Zeugnisvergabe ging immer zum Taschenrechner. Für jede Eins ein Zähler, für jede Zwei zwei und so weiter. Das war in der Mittelstufe. Im Abitur mussten wir nicht mehr rechnen, da stand der Schnitt oben links in einem schwarz umrahmten Kasten. „Ohne Eins vor dem Komma könnt ihr es gleich vergessen“, haben die gesagt, die den Kasten berechnet haben.

Ich habe erst an der Uni gelernt, dass man so etwas das „arithmetische Mittel“ nennt – und wozu man es eigentlich benutzt, wenn man nicht gerade im Notenwettkampf mit seinen Mitschülern steht. Ich hatte gehofft, im Studium den Wettbewerb los zu sein, aber es gibt ihn noch. Nur benutzt man heute keinen Taschenrechner mehr, sondern GradeView.

So heißt ein Internet-Start-up, das einem in Echtzeit zeigt, wo man konkurrenztechnisch steht. In die App kann man Noten, Credit Points und Praktika eingeben, sogar meine Abiturnote ist noch etwas wert. Mit diesen Werten kann ich mich anonym mit meinen Kommilitonen messen, an der Fakultät, im Bundesland oder auch gleich deutschlandweit. GradeView vereine die besten Mittel, um Leistungsdruck und Zukunftsangst Herr zu werden, schreibt ein Bildungs-Onlinemagazin.

Leistungsdruck abbauen, indem man sich mit Kommilitonen vergleicht? Eine gewagte Behauptung. Nicht dass Ansporn per se etwas Schlechtes wäre, aber Programme wie GradeView fördern vor allem eins: die Selbstoptimierung für den Arbeitsmarkt. Jeder ist sein eigener Manager. Und kann seine Quartalsleistungen dann auch gleich als eigene Chart ausdrucken. Das Denken dahinter kennt jeder Student: „Du hast sechs Wochen Zeit? Dann mach schnell ein Praktikum. Am besten schreibst du Pflichtpraktikum drüber, dann muss es dir niemand bezahlen. Aber lass dich bloß nicht abhängen“

Als meine Altersgenossen und ich 2013 als erster Jahrgang in Nordrhein-Westfalen das Abitur ein Jahr früher machten, wurde uns das als Vorteil verkauft. Nicht fürs Leben, sondern für den Arbeitsmarkt. Schnell an die Uni, schnell durchs Studium, jung in den Job. Die Selbstvermarktungsmaschine läuft.

Und so ist auch GradeView sehr erfolgreich. Klar, wer würde nicht gern gesagt bekommen, dass er überdurchschnittlich sei? Und warum sollte man Studenten, die sich gern vergleichen, nicht vergleichen lassen? Und trotzdem ist da dieser Werbespruch, der einen grübeln lässt: „Die Noten ständig im Blick“.

Dabei gerät leicht etwas in Vergessenheit: Vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, ein bisschen den Überblick zu verlieren und einer Abschweifung zu folgen. Es gibt so schöne Orte abseits der Autobahn.

Erschienen auf freitag.de

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