Die kollektive Kippe danach

Was noch eintöniger ist als die Jahresrückblicke, mit denen TV-Sender alljährlich ihr Dezemberprogramm bestücken, ist die Reaktion auf die Eintönigkeit dieser Jahresrückblicke. Es gab wohl noch keine solche Retrospektive, nach der die Menschen aufgesprungen sind, um hastig ihre Memoiren zu verfassen, weil sie das Gefühl hatten, dass das vergangene Jahr so unglaublich gut, spektakulär oder einzigartig war, dass sie es sich merken müssten. Der vorherrschende Gesichtsausdruck nach drei Stunden Jahresend-Unterhaltung auf dem Bildschirm ist: Leere. Schön, das war’s, schon spät, jetzt aber ab ins Bett.

Erst Markus Lanz, freitags im ZDF, dann Günther Jauch, sonntags bei RTL: Am vergangenen Wochenende konnte man die vergangenen zwölf Monate noch einmal in aller Ausführlichkeit vor seinem Zuschauerauge Revue passieren lassen – und die Leere kosten. Da saß etwa Jauch bei Menschen, Bilder, Emotionenneben Fußballkönig Schweinsteiger, dem Basti, und fragte, wie das so sei, wenn nach einer Weltmeisterschaft wieder das „Graubrot der Bundesliga ins Haus steht“. Basti murmelte, dass große Erfolge „Hunger auf mehr“ machten, womit er aber wahrscheinlich nicht Graubrot meinte. Nach einer guten Viertelstunde Sendezeit stand ein Pfarrer auf der Bühne und sang Leonard Cohens Halleluja. Eigentlich hätte da schon der Abspann laufen können.

Eine Dosis Schicksal

Aber nein, dann war da noch die Frau, die in diesem Jahr den Part der tragischen Alltagsheldin zu übernehmen hatte: Sie war mit ihrem Auto losgefahren, um ihren Sohn zu suchen, traf dann aber auf die Bild-Zeitung, genauer gesagt: Sie schaffte es auf die dortige Titelseite. Bei einem ziemlich irren Wendemanöver war sie samt Wagen von einer 60 Meter hohen Klippe herabgestürzt. Endlos wirkende Minuten saß Günther Jauch mit der Fahrerin in einer Dschungelcamp-artigen Kulisse, ohne die wirklich interessante Frage zu stellen: Wo der Sohn denn nun war? Vielleicht mit einem malaysischen Flugzeug verschollen?

Den Ukraine-Konflikt, den IS-Terror, die Lampedusa- und die Syrien-Flüchtlinge, den Arbeitskampf der GDL: Alles, was wirklich interessant, aufregend, wichtig war, quetschte man zusammen in einen Kriseneinspieler, der nur unerheblich länger war als der Werbespot, in dem die Freundin von dem Mann mit der Cola-Light in der Hand gar nicht die Freundin ist – sondern Manuel Neuer. Bevor man darüber allzu lange nachdenken konnte, war Onkel Jauch schon wieder da und kündigte tatsächlich schon wieder den nächsten Fußballer an. Irgendein Online-Star sang zwischendrin, ein Paar Schuhe in den Händen haltend, Helene Fischers Atemlos. Fast fünf Millionen Menschen schauten sich das alles an.

„Das Publikum beklatscht sein eigenes Gedächtnis“, hat Max Goldt einmal geschrieben. Eigentlich ging es ihm dabei um Musik. Aber der Satz lässt sich problemlos auf das TV-Format Jahresrückblick übertragen. In Ranking-Shows der Sorte Die 25 peinlichsten … übernehmen B-Promis vor Greenscreens das Klatschen und Mitfiebern; bei Menschen, Bilder, Emotionen lässt man uns das selbst machen. Das Angebot fürs kollektive Gedächtnis der Glücksgefühle besteht dabei in diesem Jahr im Wesentlichen aus Fußball, Merkel, noch mehr Fußball und, nun ja, lustigen Videoclips.

Ein Hoch auf Schund

ZDF-Mann Lanz, dessen Reiz-Reaktionsschema ohnehin nur zwischen den Polen „schockierend“ und „spektakulär“ hin- und herpendelt, moderierte 48 Stunden zuvor eine fast baugleiche Show, Menschen 2014. Jauch hatte den singenden Pfarrer – Lanz hatte eine singende Nonne aus einer italienischen Castingshow geladen. Auf Lanz‘ Couch saß DFB-Präsident Wolfgang Niersbach – auf Jauchs Parkbank Jogi Löw.

Ja, es ist ein Segen, dass die deutsche Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen hat. Und dass es, ein halbes Jahr später, anscheinend immer noch Gesprächsbedarf dazu gibt. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie groß der Anteil an Trash-Promis und Youtube-Phänomenen gewesen wäre, wenn nicht beiden Moderatoren je gleich drei oder vier Fußballer an die Seite gesetzt gewesen wären.

RTL schaffte dabei ein Meisterstück, denn dort gelang es, die drei Stunden Sendezeit in drei Minuten mit Andreas Bourani zu summieren: „Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben“, sang der Mann noch einmal in seinem Nummer-eins-Hit Auf uns, den die ARD im Sommer als Mottosong ihrer WM-Berichterstattung hatte laufen lassen. In den brasilianischen Favelas mag das zynisch geklungen haben, aber hier, im vorweihnachtlichen Erinnerungsmarathon, wirkte das Pathos noch mal goldrichtig.

Der Ball, der Bart, das Bucket

Beinahe schon großväterlich blätterten Lanz und Jauch also durch das Fotoalbum – jaja, wie schnell die Zeit vergeht. Applaus, Applaus fürs Gedächtnis! Solche Freude, dass einen die Demenz doch noch nicht geholt hat, kennt man sonst nur aus demMusikantenstadl. Sehen die Menschen, die dort an den Biertischen sitzen und Blumen an Schlagerbarden verteilen, nicht immer unglaublich zufrieden aus? Wollen wir nicht alle mal so glücklich sein, dass uns selbst Andy Borg die gute Laune nicht verderben könnte? Wäre das nicht möglich?

„Typisch deutsch“, diese Miesepetrigkeit, nicht wahr? Also lassen wir das Zetern und applaudieren wir einfach bis zum Neujahrsmorgen weiter – uns selbst, unseren Ballbuben und Elyas M’Barek, der diesen total lustigen Fack ju Göhte-Film gemacht hat! Ein Hoch außerdem auf die urkultige Ice-Bucket-Challenge, auch wenn niemand mehr so genau weiß, wofür sie gedacht war. Ein Hoch auf uns, uns, uns – und auf Conchita Wurst, die „Frau mit Bart“! Was soll‘s: Sie kann so schön singen!

Ein Jahresrückblick ist ein wenig wie die Kippe danach. Da sitzen wir, verschwitzt, etwas erschöpft, eben leer nebeneinander, mit dem Rücken an der Wand. Wir fragen besser nicht, wie wir waren, und nehmen einfach an, dass es großartig war. Besser gar keinen Raum für etwaige Selbstzweifel aufkommen lassen.

Zuerst erschienen auf freitag.de

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