Herz in der Hand, Zeit im Gesicht

Die Altersmelancholie steht ihm gut: Olli Schulz und sein neues Album „Feelings aus der Asche“

Mit 40 Jahren könnte Olli Schulz eigentlich seine Nische gefunden haben. Bei Circus Halligalli war er erst liebenswertes Mobbingopfer, dann Rangelexperte und später Sexguru. Immer ein bisschen drüber und verpeilt, so könnte sich Schulz locker durch die Fernsehunterhaltung schummeln. Doch er hat sich aus der Pro 7-Manege verabschiedet und auch seiner Sendung Schulz in the Box den Rücken gekehrt. Um sich wieder mehr auf die Musik zu konzentrieren. Freitag erscheint das neue Album Feelings aus der Asche. Ist es gut? Ja. Albern ist es zum Glück nicht.

„Und meine Helden sind alt / meine Träume dahin / ich weiß nicht, wie es aufhört /aber so muss es beginnen“, singt Olli Schulz im ersten Stück richtungsweisend. Es geht um Liebe, um Erinnerungen, wie schön das Gestern war, aber nicht zwingend besser ist als das Heute. Nicht, dass Schulz auf seinen letzten Alben weniger nachdenklich gewesen wäre, doch die leichte Altersmelancholie steht ihm. Er singt „Wir sind alle Kinder der Sonne“, ohne pathetisch zu klingen.

Dass der Hamburger auch Musik macht, werden die meisten Halligalli-Zuschauer erst bemerkt haben, als der Joko-und-Klaas-Buddy mit Gitarre vor dem Bauch „Du bist verhaftet wegen sexy“ schmetterte. Dabei ist Olli Schulz kein blödelnder Polonaisesänger, sondern Musiker. Und das war er auch schon lange, bevor er bei Pro 7 „Bunga Bunga“-Partys veranstaltet hat. In „Passt schon!“ zeigt sich, wie wenig ihm sein Ficki-Ficki-Ruhm eigentlich lieb ist: „Ich komm in die Tanke, werd begrüßt mit Nachnamen / und der Dönermann muss mich vor mir nachahmen.“ Schulz bereut nichts, aber er wehrt sich gegen Schubladendenken. Auch wenn er am Ende resigniert feststellen muss: „Egal ob ich den Schlauen spiele oder den Idioten / ob ich wirklich gut bin, entscheiden nur die Quoten / die Assis und die fetten Klickzahlen.“

Bei vielen Alben folgt in der Mitte der Tracklist der musikalische Hänger. Olli Schulz scheint hier erst richtig warm zu werden. „Boogieman“ handelt von einem abgehalfterten Kneipenhelden, das „Herz in der Hand /die Zeit im Gesicht“, darunter scheppert ein verstimmtes Klavier durch den Song. Es ist der wahrscheinlich traurigste Song auf einer Platte, die sonst am Ende jedes Lieds die Versöhnung sucht.

Am Rand der Autobahn

Wie in „Als Musik noch richtig groß“ war, das der Musiker zu Recht als einen seiner besten Songs bezeichnet. „Jetzt, wo Musik nicht mehr ganz so groß ist / aber immer noch so schön / seh ich dich in meinen Strophen / sing ich für dich den Refrain“, singt er dort, und nirgends sonst zeigt sich Olli Schulz’ größte Stärke. Was viele Singer-Songwriter suchen, aber nie ganz finden, gelingt ihm: Er ist echt. Und er klingt auch so. Ein bisschen verletzlich, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und das so atmosphärisch, dass man am Randstreifen auf der Autobahn anhalten muss, um in Ruhe den letzten Refrain zu genießen.

Je größer die Diskrepanz seiner Außenwirkung wurde, desto mehr scheint Schulz mit sich ins Reine gekommen zu sein. Und wenn er montags im Privatfernsehen „Ficki-Ficki“ brüllte und donnerstags schmal und zurückhaltend bei neoParadise spielte, wollte er seine Nische vielleicht gar nicht finden. Zu seinem 40. Geburtstag zieht Schulz die titelgebenden Feelings aus der Asche seiner Erinnerung und nimmt sie mit, wie er es im Opener angekündigt hat: „Ich weiß nicht, wie es aufhört / aber so muss es beginnen.“ So gesehen ein gelungener Beginn.

Zuerst erschienen auf freitag.de

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