Hier könnte Ihre Heimatstadt stehen

Zeitungssterben Nirgends ist der Leser so nachtragend, wie im Lokalen. Nirgendwo sonst ist er aber auch so aufmerksam. Ist gemeinnütziger Journalismus also die Lösung?

Meine Heimat ist eine ziemlich normale Kleinstadt. Sie hat normale Bewohner mit normalen Berufen, es gibt Schützenvereine, Kegelklubs und Schrebergärten. Auch die Zeitungslandschaft ist in der Normalität angekommen: Seit 2012 hat die Stadt nur noch eine Lokalredaktion. Die füllt seit zwei Jahren nicht nur ihre eigenen Seiten, sondern auch die der Konkurrenz. „Sanierung“ nannte der Verlag den Ausverkauf damals. Es gibt zahlreiche Städte, die problemlos an dieser Stelle stehen könnten. Die Situation ist in etwa überall gleich. Gleich miserabel.

Ist das jetzt das Ende des Lokaljournalismus? Vergangene Woche forderte Investigativjournalist David Schraven auf der Webseite seines Recherchebüros Correctiv, die Journalisten müssten nur endlich auf hören zu jammern. Raus aus ihrem „Elfenbeinturm“. Für einen gemeinnützigen Journalismus kämpfen. Statt auf engagierte Menschen herabzusehen, sollte den Bürgern geholfen werden, bessere Berichte zu schreiben. Natürlich hat er Recht damit. Die Bürger sind allerdings nicht die einzigen, die Hilfe brauchen.

Seit die Lokalredaktionen geschlossen werden, ist „Online“ Zauberwort und Trotz. Auch die ehemaligen Printjournalisten in meiner Heimatstadt haben ein Onlinemagazin gegründet. Fragt man sie, was sie dort machen, antworten sie „für Nüsse arbeiten“. Den Elfenbeinturm haben sie verlassen. Nur ist die Welt eine andere: Inzwischen sind sie Schreiber, Verleger, Webdesigner und Social-Media-Strategen in einem. Geschrieben haben sie jahrelang. Den Rest müssen sie mühevoll lernen.

„Für Nüsse arbeiten“ zermürbt auch mit noch so viel Herzblut. Schon vor einigen Jahren haben Bürger einen Konkurrenzblog hochgeladen und mit Anzeigen gepflastert. Dort posten sie Veranstaltungen, Anzeigen, Fotogalerien. Reportagen, große Geschichten sucht man dort vergebens. Wie soll Recherche finanziert werden? Experten stehen an jeder Ecke: „Sponsored Stories“ wären eine Lösung. Clickbaiting vielleicht auch. Katzenbabys? Ein Königreich für eine Bildergalerie mit Katzenbabys.

Gemeinnütziger Journalismus, wie Schraven fordert, hätte Vorteile: Rein formell würde dem Journalismus ein höherer Zweck attestiert. Und aus ökonomischer Sicht befreien sich Autoren und Leser teilweise vom Anzeigenwahn. Leser könnten steuerfrei für ihre Lieblingsseite spenden. Im Gegenzug würden die Autoren den spendenden Leser ernst nehmen und Geld haben, um großen Geschichten nachzugehen.

Ob das Spendenmodell funktionieren würde, ist ungewiss. Nirgends ist der Leser so nachtragend wie im Lokaljournalismus. Es gab schon Männerchöre, die eine gesamte Zeitung boykottierten, weil der Journalist vor Ort ihr letztes Konzert verrissen hat. Nirgendwo sonst ist er allerdings auch so aufmerksam. Und noch einen Vorteil hat die digitale Lokalzeitung: Sie kann den Leser direkt einbinden. Für investigative Recherche vor Ort ist das überlebenswichtig. Wer in der Stadt den Kontakt zu seinen Lesern hält, pflegt seine Informanten. Auch wenn das mühselig ist: Den Elfenbeinturm verlassen heißt, auf Kommentare einzugehen, statt sie unkommentiert in die Leserbriefspalte zu verbannen.

Das, was den neuen, alten Lokaljournalisten Sorgen macht, sollte sie eigentlich beruhigen: Niemand weiß, wie es weitergeht. Doch ein gemeinnütziger, digitaler Lokaljournalismus kann einen Spielraum schaffen, in dem Autoren und Leser zusammen neue Ideen entwickeln können. Es ist nicht alles Schrebergarten.

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