Ladies and Gentlenerds: Das war ein Gespräch wie Merkels Hosenanzug

Medien Über das Interview des YouTubers LeFloid mit der Bundeskanzlerin

Mit einem einzigen Interview auf Youtube ist die Kanzlerin ins Herz des Internets gesegelt. Angela Merkels williger Steuermaat heißt LeFloid. Das Bundespresseamt hatte ein Gespräch mit dem Youtube-Star organisiert, letzten Montag ist es online gegangen. Gemessen an der Aufmerksamkeit ist es ein Jahrhundertinterview. Selten wurde im Vorfeld soviel über einen Talk mit der Kanzlerin berichtet. Und selten wurde im Nachhinein so massiv, vielfach gehässige Kritik geübt. Wieso?

Wer sich vorher in der Zeitung über Floian Mundt, aka LeFloid, informiert hat, muss allein von seinem Auftreten entweder bitter enttäuscht oder angenehm überrascht gewesen sein. Denn so „hip“, „jung“ und aufgedreht wie LeFloids wöchentliche „Action News“ ist das 30-minütige Gespräch dann doch nicht: Ein kalter, verglaster Raum mit Blick aufs Kanzleramt, klassischer Interview-Aufbau. Das Bild über die Schulter gefilmt, Schuss-Gegenschuss. Das vertraute „Aloahey, Ladies und Gentlenerds“, tauscht Mundt gegen ein „Wunderschönen guten Tag“. Statt wilder Gesten betonte Gelassenheit. Wäre das Format ein Kleidungsstück, es hätte Ähnlichkeit mit Merkels Hosenanzug.

Vielleicht ist das LeFloids Zugeständnis an die Kanzlerin. Aber auch inhaltlich macht er leider eine ganze Menge Zugeständnisse. Eine halbe Stunde lang referiert Merkel über Fremdenhass, TTIP und die NSA. Und LeFloid nickt ab, findet mal etwas „sehr gut“, mal „absolut“ richtig und sowieso ist man sich „sehr, sehr einig“. Zu Beginn – Thema: Homo-Ehe – hakt der YouTuber noch etwas nach, später erklärt er Merkel wie ein 15-Jähriger Musterschüler, dass ihn die Frage zur Cannabis-Legalisierung selbst „nicht betrifft“. Und die Kanzlerin bietet ihm CDU-Broschüren an.

So wird aus dem großen Jugenddialog ein PR-Clip für die Kanzlerin. Und LeFloid scheitert an einer Erwartungshaltung, die er unmöglich erfüllen kann. Er kann einem fast leid tun: Schon im Vorfeld wurde das Interview aufgeblasen, als wäre es ein nationales Großereignis. Tageszeitung, Fernsehen, Internet. Und plötzlich erwarten Menschen, die LeFloid noch nie gesehen haben, von ihm, dem YouTuber, so etwas wie das Internetpendant von Günter Gaus.

Normalerweise produziert der Berliner Mundt einen Mix aus Nachrichten und Boulevardmeldungen, schnell zusammengeschnitten auf gut sieben Minuten. Er ist laut, direkt und subjektiv. Zweieinhalb Millionen Zuschauer erreicht LeFloid damit, in einer Zielgruppe, die sich in großen Teilen wahrscheinlich noch nie eine Wochenzeitung gekauft hat. Genau die versucht er zu informieren, und hat anscheinend Erfolg: Tausende Fragen an die Kanzlerin twitterten LeFloids Zuschauer vor dem Interview. Sollte das nicht eigentlich Ehrgeiz genug sein, sein eigenes Ding, sein Youtube-Ding daraus zu machen? Und die Bühne, mit Zweieinhalb Millionen Fans im Zuschauerraum, einfach zu übernehmen?

Aber statt „Action News“ könnte das Floid-Interview problemlos im Sommerinterview-Slot des ZDF laufen. Und Mundt bleibt nicht viel mehr, als zu betonen, dass er nun einmal YouTuber und „kein Journalist“ sei. Vielleicht ist das ein Akt der Bescheidenheit, vielleicht ist es auch korrekt. Aber letztendlich ist Youtube ein Verbreitungskanal. Warum sollte da bewusst auf journalistischen Anspruch verzichtet werden? Action und Journalismus schließen sich ja nicht aus. Es hätte LeFloid gutgetan, ein bisschen selbstbewusster vorzugehen. Vielleicht klappt es nächstes Mal.

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