Kamen, deine Flüchtlinge

Migration In Freital kocht der Volkszorn, in Tröglitz brennt ein Flüchtlingsheim. Doch es gibt auch Menschen und Kommunen, die helfen, statt zu zündeln. Eine Reportage aus der Heimatstadt.

Das Schild am Eingang hat noch niemand abgenommen. „Polizeiautobahnstation Kamen“ steht auf der weißen Holzplatte, „Polizeilicher Dienst“, darunter „Parkplatz, Werkstatt-Kfz.“ Heute ist es ungewohnt windig, die Bäume vor den beigeverputzten Parzellen biegen sich raschelnd gegen den schweren Eisenzaun. Links vom Zaun reihen sich üppig begrünte Einfamilienhäuser aneinander, schicke Bauten aus karamellfarbenen Klinkern, rechts eine Bahnstation. „Schöner Fleck“ heißt die angrenzende Kleingartenanlage.

Polizisten arbeiten schon seit Monaten nicht mehr in der Autobahnstation. Letzte Woche sind die ersten Flüchtlinge in die alte Polizeikaserne eingezogen. Das Asylbewerberheim ist eine Auffangstation, eine Entlastung für die Erstaufnahmeeinrichtungen in Dortmund und Unna-Massen. Unweit des Kamener Kreuzes, wo die A1 auf die A2 trifft, treffen jetzt auch Flüchtlinge, Anwohner und Helfer aufeinander.

Neben der neuen Landeseinrichtung gibt es noch vier weitere Asylunterkünfte in Kamen, die direkt von der Stadt betreut werden. Sie sind dezentral und in der gesamten Stadt verteilt. In diesen kommunalen Gemeinschaftsunterkünften helfen ausschließlich Ehrenamtliche wie Max Engels und Michel Wegmann. Mehrmals in der Woche besuchen sie die Flüchtlingsfamilien, reden, helfen bei Anträgen für Sozialamt, Jobcenter und Konsulat. Viele Hausbewohner freuten sich schon, wenn man sie nur begrüßt und ihren Namen noch kennt, sagt Engels.

Mit Idealismus gegen Massenunterkünfte

Vor Kurzem sind die beiden Sozialarbeiter mit zwei Freunden in ein verwinkeltes Haus am Rande der Innenstadt gezogen. Vieles ist noch nicht fertig, beide tragen kurze, zerschlissene Hosen, Umzugshosen. „Viva la Evolution“, steht unter einem affenköpfigen Ché Guevara auf Wegmanns Shirt. Als „verkappte Idealisten“ bezeichnen sich die beiden, die aktuelle Flüchtlingslage als ein Ergebnis von 30 Jahren gewollt-verfehlter Asylpolitik. Seit den Achtzigern würden Menschen in riesige Heime gepfercht, nicht zuletzt auch der Abschreckung wegen.

Seine Bachelorarbeit hat Engels über die psychologische Auswirkung von Lagerunterbringung auf Asylbewerber geschrieben. Darin zieht er ein vernichtendes Fazit: So steige in großen Lagern und Gemeinschaftsunterkünften die Prävalenzrate für Major Depressionen und andere psychische Krankheiten. PRO ASYL bezeichnet die Lagerunterbringung von Asylsuchenden als „repressives Relikt aus dem Zeitgeist der 80er Jahre“ und fordert, das Flüchtlinge grundsätzlich und überall in Wohnungen leben können.

Auch Engels und Wegmann plädieren für mehr dezentrale Unterkünfte. In den drei Mehrfamilienhäusern, die sie betreuen, gibt es keine Zimmerkontrollen, keinen Zaun und keine Security. Dafür: Familienzimmer, Putzpläne und einen Hausmeister.

Unterdessen versinkt der Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg in Presseanfragen. An die hundert seien es jeden Tag, sagt er. Jeden Besuch, jedes Gespräch mit Mitarbeitern und Flüchtlingsheimen, muss vorher hier abgesegnet werden. Fast wöchentlich öffnen neue Einrichtungen. Wie in der Kaserne Kamen, vertraut die Bezirksregierung auf bestehende Strukturen. DRK, Johanniter und Kolpingwerk arbeiten mit dem Bezirk zusammen. Diese seien oft „bestens strukturiert“ heißt es in Arnsberg, und könnten unmittelbar anfangen. Auch in dem Flüchtlingsheim in der Polizeikaserne versucht man, trotz Zaun und Schild, die Unterbringung möglichst normal zu gestalten. Täglich gibt es eine Art Flohmarkt, auf dem sich die Asylsuchenden mit Kleidung und Alltagsgegenständen eindecken können. Familien werden grundsätzlich zusammen untergebracht, auch wenn dafür mal ein Bett frei bleiben muss.

Die andere Seite macht mobil

In Dortmund, wo die Flüchtlinge als erstes in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht werden, zeichnet sich dagegen ein anderes Bild: Etwa eintausend Flüchtlinge kommen täglich in NRW an. Die großen Heime sind restlos überfüllt. In Hacheney musste die Erstaufnahme vor kurzem einen Aufnahmestopp verhängen. In der Innenstadt sammeln Asylbewerber und Helfer Unterschriften für eine schnellere Bearbeitung der Asylanträge. Seit einigen Wochen schieben sich immer wieder Neonazis in borussiagelben T-Shirts durch die U-Bahnen, Aufschrift: „Die Rechte – Stadt Schutz Dortmund“. Anfang Februar zogen sie mit Fackeln vor das Asylbewerberheim in Eving.

In der Bezirksregierung spricht man unterdessen von „Einzelfällen“. Ab und zu gebe es Straftaten, die einen rechtsextremen Hintergrund vermuten ließen: Schmierereien, Parolen, Aufkleber. Gemessen an der Anzahl der Flüchtlingsheime, seien rechte Angriffe aber selten. Täglich erkundigen sich Menschen, wie sie helfen können. In Arnsberg spricht man von einer „Welle der Hilfsbereitschaft“.

Rechte Tendenzen gibt es auch im SPD-geführten Kamen wenig. Vielleicht liegt es an der gemeinsamen Bergwerksvergangenheit. Zuwanderung hat es hier immer schon gegeben.Manche Ex-Kumpel treffen sich heute noch zu Kaffee und türkischem Tee. Über 90 verschiedene Nationen leben in der Stadt, die im Januar vom Land als „Europaaktive Kommune“ ausgezeichnet. Die Gemeinschaftsunterkünfte tragen ihren Teil dazu bei: Sie helfen Flüchtlingen auf dem Weg in ein geregeltes Leben und ermöglichen soziale Kontakte mit Anwohnern und Bürgern.

An dem Flüchtlingsheim in Südkamen hat jemand einen blau-gelb-karierten Klappstuhl vor das Schild der Autobahnpolizei gestellt. Jetzt spielen Kinder in den asphaltierten Parzellen. Für einige Flüchtlinge ist die Kaserne ein Zuhause auf Zeit geworden.

In Auszügen als Teil einer Reportage erschienen auf freitag.de

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2 Kommentare zu „Kamen, deine Flüchtlinge

  1. „Neonazis in borussiagelben T-Shirts durch die U-Bahnen, Aufschrift: „Die Rechte – Stadt Schutz Dortmund““: Den BVB mit den geklauten Farben in die rechte Ecke zu stellen finde ich schon mal richtig übel von diesen Vögeln.
    Aber auch wenn ich schon lange nicht mehr in Dortmund lebe, kriege ich das Fremdschämen und ziemliche Wut auf diese Hanseln.
    Hier in meinem Ort bereitet sich ein breit aufgestellter Helferkreis vor,
    die Situation mit der im Herbst aufgebauten Notfallunterkunft bestmöglich zu händeln. Mit Stress wird hier eher nicht gerechnet, zum Glück!

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