Keine Klicks für Niedertracht

TV Movie Um Leser für die eigene Webseite zu ködern, hat die Zeitschrift Prominenten Krebs an den Hals gewünscht. Clickbaiting heißt diese Masche, und sie zieht längst nicht mehr

Online-Medienportale arbeiten gern mit Formeln. Seit Aufmerksamkeit im Internet ein knappes Gut ist, folgt das Anbiedern an die Lesenden strikter Mathematik. Jede News-Seite, die etwas auf sich hält, baut ihre Überschriften nach eigenen Variablen. Die Webseite Upworthy rechnet mit Kontroversen, Twists und Cliffhangern. Buzzfeed mit Zahlen, Reizwörtern und Versprechen. „23 Jobs, die du niemals machen solltest, wenn du immer alles kaputt machst“, lautet so eine Überschrift dann. Am Ende der Gleichung steht immer das gleiche Ziel: Leser für die eigene Webseite zu ködern.

Der Preis für die niederträchtigste Masche, um Klicks zu generieren, geht diese Woche an TV Movie. Die postete vor einigen Tagen auf Facebook ein Bild von Stefan Raab, Roger Willemsen, Günther Jauch und Joko Winterscheidt. „Einer dieser TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen“, schrieb die Programmzeitschrift dazu. Wer wissen wollte, welcher der vier Moderatoren erkrankt ist, sollte vorher auf den Link von TV Movie klicken. Das Krebs-Rätseln war selbst der leidgeprüften „Netzgemeinde“ zu viel. Auf Twitter wurde das Blatt viral gebrandmarkt.

Inzwischen hat sich die Zeitschrift zwar entschuldigt, gelernt haben wird sie eher nichts. Denn wie Bildblog dokumentierte, nutzt TV Movie ähnliche Posts schon eine ganze Weile. Dutzende schwarz-weiße „Ruhe in Frieden“-Bilder lädt die Seite bei jeder Gelegenheit hoch, um auch noch das letzte bisschen Aufmerksamkeit aus den Verstorbenen zu quetschen. Man kann nur hoffen, dass sie damit keinen Erfolg hat. Und: In der Tat spricht einiges dagegen.

Denn die Formeln sind überholt. Das Clickbaiting – manipulative Überschriften, um Leser zu gewinnen – hat seine Halbwertzeit überschritten. Die Masche nutzt sich ab, langsam regt sich Widerstand. Facebook überarbeitet seinen News-Algorithmus, um Clickbaiting-Posts filtern zu können. Nutzer machen sich einen Spaß daraus, die Story, die sich hinter dem Link verbirgt, in ihren Facebook-Kommentaren zu verraten.

Der Grund dafür ist simpel: Das große Aha-Erlebnis ist ausgeblieben. Die Überschriften halten ihre vollmundigen Ankündigungen nicht. Niemand, der je auf einen Clickbaiting-Link geklickt hat, war danach so erleuchtet, so glückstrunken, so unglaublich ungläubig, wie es ihm versprochen wurde. Der Leser klickt – und wird konsequent enttäuscht. Und die Überschriften werden immer spektakulärer, immer reißerischer, um mit der wachsenden Skepsis mitzuhalten. Im Fall von TV Movie stößt der Klickwahn an seine ethischen Grenzen. Weil eine Zeitschrift bereit ist, für ein wenig Aufmerksamkeit Menschen den Krebs an den Hals zu wünschen.

Im Austausch für Klicks und Aufmerksamkeit ernten die Webseiten so eine generelle Abwehrhaltung. Medienportale wie Buzzfeed haben das erkannt und setzen immer mehr auf Nachrichten statt Katzenfotos. Dort erfolgen mittlerweile fast ein Drittel der Zugriffe direkt, also ohne Umweg über Social Media. Zum Vergleich: Bei heftig.co, dem deutschen Marktführer für virale Rührbröckchen, sind es gerade mal zwölf Prozent. Und das US-amerikanische vox.com hat gleich eine Evolutionsstufe übersprungen und arbeitet Politik und Kultur webgerecht auf, statt die Leser fehlzuleiten.

Nur die deutschen Seiten um TV Movie und Focus scheinen noch nicht so weit zu sein. Sie verschaukeln damit nicht nur ihre Leser, sondern verspielen auch ihre Glaubwürdigkeit. Langsam wird es Zeit, die Formel zu überarbeiten.

Zuerst erschienen auf freitag.de

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