#machtan: Warum der WDR mehr an sich selbst glauben sollte

Programmoffensive Der Westdeutsche Rundfunk verjüngt sich – #machtan heißt die 14-tägige Aktion. Und sie schlägt teilweise sogar ein

Wäre der WDR ein Mensch – er befände sich auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis. Eben 50 geworden, wäre er ein wenig versteift und hätte sich wahrscheinlich vor kurzem ein altes Cabrio oder ein teures Hobby zugelegt, um zu betonen, wie hip und jung er geblieben ist. Leider lässt sich die Krise des Westdeutschen Rundfunks nicht einfach mit einem Zweitwagen lösen. Dafür hat sich das alte Haus zum 50. Geburtstag eine „Programmoffensive“ verschrieben. #machtan heißt diese Offensive. 14 Tage lang stellt der Sender sein Fernsehprogramm um, über 30 neue Sendungen wurden dafür produziert. Statt Liebesdramen und Wiederholungen laufen jetzt Internet-Gameshows und Dokutainment. Das Fazit nach einer Woche: Ein bisschen mehr Selbstvertrauen hätte dem WDR gutgetan.

Dabei macht der Sender vieles richtig. Einige der neuen Formate funktionieren ziemlich gut. Mit Meuchelbeck zeigt der WDR die Geschichte eines vergessenen Dorfs am Niederrhein, das eher an David Lynch als Lindenstraße erinnert: Da liegt der Pastor in Todessehnsucht auf der Landstraße, die Wirtin wird verdächtigt, ihren Mann im Gasthof eingemauert zu haben und tote Kühe werden grundsätzlich im offenen Kofferraum des Polizeiautos transportiert. Zwar braucht es etwas, um das staubige Vermächtnis von 50 Jahren Lokalkrimis abzuschütteln. Trotzdem ist Meuchelbeck lustig, makaber und lässt die Rosenheim-Cops ziemlich blass aussehen. Überraschend unterhaltsam ist auch die Dokutainment-Reihe Das Lachen der Anderen. Comedian Oliver Polak und Autor Micky Beisenherz loten die Grenzen des guten Geschmacks aus und verbringen drei Tage mit einer „Randgruppe“, um anschließend ein Stand-up-Programm über sie zu schreiben. So staunen und lachen sie sich durch eine Öko-Kommune – auch wenn der Comedyabend dann mehr wie eine Betriebsfeier wirkt.

Problematisch wird es dafür immer, wenn die jugendliche Ausrichtung zum Zwang wird. Dann, wenn der Sender in einem Anflug von Bequemlichkeit Youtube-Stars und Internet ins Programm holt. Das Projekt Mischen Impossible, in dem Youtuber das alte WDR-Achiv durchstöbern und aufarbeiten, funktioniert vielleicht als achtloses Video für die Abonnenten im Netz. Zur Nachmittagssendung zusammengeschnitten ist die halbstündige Collage aus plappernden Grinsgesichtern aber penetrant nervig. Ein Totalausfall ist auch Gefällt mir, die „total vernetzte“ Gameshow. Deren einzig unterhaltsamer Inhalt: der Gesichtsausdruck von WDR-Urgestein Bernd Stelter, der still auf seinem Kandidatenstuhl sitzt und zwischen diffusen Regeln und Babyvideos die Welt nicht mehr versteht. Mit innovativem Fernsehen hat das nichts zu tun. Es wirkt, als hätte ein gealterter Familienvater in der Programmentwicklung auf den Tisch gehauen und erklärt, auf was „die Kids von heute abfahren“.

Die gesamte Programmoffensive scheint zwischen diesen beiden Polen zu spielen: Auf der einen Seite findet der WDR den Mut und den Witz, zu dem sich das öffentlich-rechtliche Nachmittagsprogramm sonst nicht durchringen kann. Auf der anderen versucht er verzweifelt, Internet-Popkultur zu reproduzieren, die Teenies zurückzuerobern und um jeden Preis dazuzugehören. Dabei liegt der Charme von Youtube gerade darin, authentisch zu sein. Und der Westdeutsche Rundfunk täte gut daran, ebenso authentisch zu sein. Midlife-Crisis hin oder her – der WDR sollte an sich selbst glauben.

Zuerst erschienen auf freitag.de

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