Sketch History: Im ZDF wird jetzt Geschichte gemacht

An Guido Knopps ZDF-History war das größte Mysterium immer Guido Knopp selbst. Die einen liebten den charmanten Populärwissenschafter, den anderen kam bei seinen emotionalisierten Adolf-Hitler-Dokumentationen mit nachgestellten Weltkriegsszenen der Kaffee hoch. Wie geht man so ein Erbe an?

Das ZDF tut es mit Humor und schreibt die Geschichte nun einfach um. Die Meuterei auf der Bounty? Ein Aufstand unzufriedener Tausendsassas. Kennedy? Ein potenzgetriebener Schmierlappen, der mal eben den Dritten Weltkrieg anzettelt. Mozart spielt am liebsten Udo Jürgens, und Joseph Goebbels ist ein mieser Witzeerzähler. Klingt abgedreht? Ist es auch. Und verdammt lustig. Sketch History – Neues von gestern startete vergangene Woche im Kielwasser der Heute-show. Die zehnteilige Reihe hat das Potenzial, die Guido-Knopp-Lager zu einen – und gibt dem Vorbild einen ordentlichen Schlag mit.

Brutus, die dumme Römersau

Dafür lässt der Sender wenig anbrennen. Headautor Chris Geletneky schrieb schon für Freitag Nacht, Pastewka und Ladykracher. Die Sets sind abnormal aufwendig, und die Darsteller um Matthias Matschke und Valerie Niehaus (die durch das Gustloff-ZDF-Histotainment Erfahrung mitbringt) imitieren ihre Vorbilder verblüffend echt.

Allen voran Max Giermann, der sich in Switch Reloaded und extra3 schon durch die halbe deutsche Fernsehprominenz imitiert hat. Hier brilliert er als  Gaius Julius Kinski. Der würde am liebsten den ganzen Tag mit Wein und Huren verbringen, wäre da nicht die „römische Scheißvisage“ Brutus (Alexander Schubert). „Ich hau dir deinen beschissenen Lorbeerkranz in deine blöde Fresse, du dumme Römersau, du!“, blafft Cäsar Brutus an, und wedelt mit dem Finger vor seiner Nase, als wäre er gerade am Set von Fitzcarraldo.

Wie Sketch History gegen Knopp schießt

Dass der eine oder andere Sketch gegen Ende auf der Stelle tritt – geschenkt. Denn der eigentliche Witz geht über die bloße Handlung hinaus. Sketch History parodiert den gesamten History-Duktus. Es persifliert das Format und spart dabei nicht mit Kritik: Off-Sprecher Bastian Pastewka ist subjektiv und tendenziös, er interessiert sich mehr für sich als für die Geschichte. „Noch heute faszinieren uns Artus’ Heldensagen — mich jetzt nicht unbedingt, aber vielleicht ja Sie“, erklärt er und entblößt damit das vereinnahmende, alles bevormundende „uns“, mit dem das Histotainment so gern um sich wirft. Und wenn Hitler im Interview als „Entrepeneur und Massenmörder“ verharmlost wird, dann ist das vielleicht nur die logische Weiterführung von melodramatischen Zeitzeugeninterviews zur deutschen Leidensgeschichte.

Reenactment ad absurdum

Das Reenactment, das Nachdrehen historischer Szenen, wie es ZDF-History populär gemacht hat, wird hier ad absurdum geführt. Auf die Wahrheit wird gepfiffen, solange es unterhaltsam ist. Alles ist möglich. Wenn Cäsar nicht aufregend genug ist, wird halt etwas Kinski eingestreut. Besser kann man Kritik an Knopps Geschichtsentertainment nicht ausformulieren.

Gut zwei Millionen Zuschauer sahen die erste Folge. Kein Wunder: Wer die wahre Geschichte kennt, wird über die Sketche genauso lachen wie jemand, der die Bounty für einen Schokoriegel hält. Und wer mit empathischem Histotainment sowieso nie etwas anfangen konnte, sollte erst recht einschalten.

Erschienen auf freitag.de

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