Rutsch raus, Hurensohn: Wenn geknickte Idealisten ein Weihnachtsalbum machen

Die Kölner Band Erdmöbel legt mit „Geschenk +3“ ein weihnachtliches Anti-Weihnachtsalbum vor.

Helene Fischer hat ein Weihnachtsalbum aufgenommen, zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Stille Nacht ist drauf und Ave Maria. Und Vom Himmel hoch, da komm ich her, im Duett mit Xavier Naidoo. Ob in Shoppingzentren oder im Privatfernsehen, man kommt in diesen Tagen nicht an dem Werk vorbei. In 35 Songs manifestiert ein blonder Weihnachtsengel den zuckerglasierten Liederkanon zum Weihnachtsfest. In der „Deluxe Edition“ kriegt man noch zwei Christbaumkugeln obendrauf.

Nicht wenige Menschen blubbern bei so viel Besinnlichkeit spontan Lebkuchenkotze in den Glühweinbecher. Musikalisch gesehen herrscht an Weihnachten in Deutschland ein schmerzlicher kreativer Stillstand. In vielen Haushalten klebt auf der letzten Weihnachts-CD immer noch der DM-Preis.

Die Einzigen, die das stilvoll ändern können, sind Erdmöbel. Die Kölner Band rennt seit 2007 gegen den zimtsternsüßen Stillstand an. „Weihnachten, ist mir doch egal“ sangen sie damals auf die Melodie von Whams Last Christmas. Seitdem hat die Band jedes Jahr einen Song zum Thema veröffentlicht. 2014 folgte das Weihnachtsalbum Geschenk. Mit Geschenk +3 wagen die Musiker jetzt, nur ein Jahr später, die Wiederveröffentlichung – mit drei zusätzlichen, neuen Songs. Es ist, als bekäme man die gleiche Uhr geschenkt wie letztes Jahr, nur diesmal mit schönerem Armband. Aber vielleicht ist es einfach höchste Zeit, einen eigenen, einen Anti-Helene-Weihnachtskanon zu bauen, ganz strategisch.

Geschenk + 3 ist ein Album voller bittersüßer Widerspruche. Der erste Song heißt Goldener Stern, das Weihnachtsfest beginnt da nicht unter dem Baum, sondern im Warenhaus: Der goldene Stern dreht sich im Schaufenster, der kleine Jesus sucht im Rabattchaos seinen Papa. In Melodica, eines der drei neuen Stücke, fleht Gastsänger Ulrich Matthes seine Eltern an, ihm alles, aber bitte keine Melodica zu schenken.

Für Fans des Helene-Fischer-Sounds und Artverwandtem muss das schrecklich unweihnachtlich klingen. So wenig glückselig, so gar nicht besinnlich! Stattdessen morbid und kaputt. Der Weihnachtsmann trinkt kalte Coca-Cola statt warmen Kakao. Und Jesu Geburt? „Rutsch raus, Hurensohn / Halleluja / Leonard Cohen.“

In Glanzpapier

„Die Erwartungen der Menschen an Weihnachten sind so hoch, dass viele zwangsläufig enttäuscht werden müssen“, sagte Produzent und Bassist Ekimas einmal in einem Interview. Erdmöbel erden genau jene überzogenen Hoffnungen. Sie bauen die Kulisse für ein Weihnachtsfest ohne hochstaplerische Sinnlichkeit. Musikalisch verpacken sie ihr Album dennoch in Glanzpapier. Auf Geschenk +3 klingen die Glöckchen und rasseln die Rasseln, und die Refrains ziehen sich gern über Minuten. Xmas XXL eben. Wenn man aber, schon ohrwurmgeplagt, von der CD aufs Radio umschaltet, läuft im Lokalsender, der das ganze Jahr „die besten Hits aller Zeiten“ spielt, tatsächlich schon wieder Last Christmas. Und plötzlich ist man Erdmöbel nicht mehr böse.

So ganz kann sich Geschenk +3 nicht entscheiden – ob es Weihnachten in den Himmel oder in die Vernichtung musizieren will. Es ist wohl diese Spannung, wegen der einem das Album nicht mehr aus dem Kopf geht. Man muss vermutlich ein geknickter Weihnachtsidealist sein, um Erdmöbel zu verstehen. Doch dann sorgen ihre Lieder für mehr Feststimmung, als alle saisonüblichen Künstlichkeiten es vermögen.

Erschienen auf freitag.de

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