Jon von Tetzchner, Internetvirtuose

Jon von Tetzchner ist ein digitaler Veteran. 1995, in den goldenen Netscape-Jahren, gründete der isländische Programmierer Opera Software. Das Unternehmen wurde zu einem der vier großen Browserfirmen. 2011 verließ Tetzchner Opera. Jetzt bläst er mit seinem neuen „Vivaldi“-Browser zum Gegenangriff. Eine schwierige Mission in einem hart umkämpfen Markt.

Es dauert einen Moment, bis Tetzchner den Anruf annimmt. Es ist neun Uhr morgens in Boston. Er sitzt in einem hellen Büro ­– lockeres Sacko, verwuschelte Haare. Ziemlich bescheiden für jemanden, der die Browserwelt übernehmen will.

Jon, ganz ehrlich: Wer braucht im Jahre 2016 noch einen neuen Browser?

Es gibt mehr als drei Millionen Menschen im Internet. Man kann davon ausgehen, dass nicht jeder den gleichen Geschmack hat, und nicht jeder das gleiche will. Man braucht eine Auswahl.

Was wir aber sehen, ist: Alle großen Browser gehen in dieselbe Richtung. Es gibt diesen Trend, alles so simpel wie möglich zu halten, um den Nutzer bloß nicht zu überfordern. Opera ist diesen Weg gegangen – Google und Microsoft natürlich auch. Mozilla hat angekündigt, das gleiche zu tun. Dadurch sehen alle Browser ziemlich gleich aus. Sie sind optimiert für Einsteiger.

Bei Vivaldi sehen wir den Browser als ein Werkzeug.

Und was macht Vivaldi anders?

Vivaldi hat ein nutzerzentriertes Design. Wir möchten uns dem User anpassen. Ich glaube, das Credo der anderen Browser ist: „Lasst uns ein möglichst einfaches Programm bauen, das durch die Suchmaschinen läuft und Dinge findet.“ Bei Vivaldi sehen wir den Browser eher als ein Werkzeug. Für Nutzer, denen Funktionalität wichtig ist, und die den Browser ihren Gewohnheiten anpassen wollen.

Das hört sich nach einer Neuauflage des alten Opera-Browsers an…

Wir haben ein paar gute Sachen bei Opera gemacht. Und es gab eine Menge Leute, denen das gefallen hat. Als sich Opera entschieden hat, in die gleiche Richtung wie alle anderen zu gehen, haben sie viele Leute zurückgelassen.

Also ein neuer Browser für Opera-Nostalgiker?

Natürlich fangen wir bei den Leuten an, die schon vorher Opera genutzt haben. Es gibt 60 Millionen User, und viele von denen arbeiten immer noch mit Opera 12, obwohl es schon seit Jahren kein richtiges mehr Update gab.

Gleichzeitig merkten wir aber, dass es eine Menge Nutzer gibt, die noch nie Opera hatten. Aber ihnen gefällt die Idee eines üppigen Browsers, der mehr kann, als nur Fenster zu öffnen. Wir haben also etwas für die alten Opera-Nutzer und für die, die auf eine neuere Versionen gewechselt haben. Und wir haben etwas für Leute, die einfach finden, dass ein Browser mehr können sollte.

 

Auf der anderen Seite müsst ihr natürlich profitabel werden. Wie sieht ein erfolgreiches Geschäftsmodell für Browser aus?

Kommt darauf an, ob du eine Mobile oder PC-Version hast. Bei PCs ist es ziemlich einfach: Du stellst einen Browser ins Netz. Kostenlos. Womit du Geld verdienst, sind Affiliate-Partner wie Suchmaschinen.

"Ich brauche keine Investoren"
„Ich brauche keine Investoren“

Ist das Modell nicht überholt? Marktführer wie Google haben schließlich mittlerweile ihre eigenen Browser.

Ja, Google hat Chrome gebaut. Vorher haben sie einen guten Anteil an uns gezahlt. Auch Mozilla hat Yahoo als Standard-Suchmaschine.

Klar, da gibt es kein großes Einkommen pro User pro Jahr. Bei Opera war es ungefähr ein Dollar. Also keine riesen Menge Geld. Aber wenn du genug Nutzer hast, funktioniert das Modell. Bei Vivaldi brauchen wir ein paar Millionen Menschen, um ins Plus zu kommen. Ich denke, die Zahl ist realistisch.

Ist sie? Ihr seid immerhin ein Nischenprodukt.

Natürlich wird das kein Spaziergang. Wir müssen ins Gespräch kommen. Aber das Feedback, das wir bekommen, ist großartig. Und weil wir uns nur auf eine bestimmte Nutzergruppe beschränken, funktioniert das alles ziemlich gut.

Das Schöne an Afilliate-Deals ist, dass die richtigen Partner den Nutzern mit ihren Features zugute kommen können. Und weil wir nur über kleine Beträge sprechen, müssen wir nicht irgendeinen Blödsinn machen.

Es scheint, als wärst du kein großer Freund von Investoren. Wie kommt’s?

Naja, als ich Opera aufgebaut habe, haben wir sukzessiv Investoren reingeholt. Aber wir hatten Pech und einige Investoren waren nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.

Ab da gab es ständig Grabenkämpfe, weil sie die Firma verkaufen wollten. Und das hat für eine wahnsinnig schlechte Atmosphäre gesorgt. Das ist einer der Gründe, warum ich die Firma letztendlich verlassen habe. Es war einfach zu viel. Ein permanenter Kampf.

Mit Vivaldi ist es anders. Schließlich finanzierst du die Firma komplett selbst, richtig?

Bei Vivaldi wollte ich nicht den gleichen Fehler noch mal machen. Wir möchten uns darauf konzentrieren, den besten Browser für unsere Nutzer zu bauen. Das ist alles. Natürlich müssen wir mittelfristig wirtschaftlich werden, aber wir brauchen keine Traumwerte. Wir müssen die Rechnungen bezahlen und werden hoffentlich profitabel, aber es ist kein finanzielles Ding. Das ist nicht der Grund, warum ich es mache.

Das hört sich sehr ideologisch an…

So geht es ja jedem, der eine eigene Firma gründet. Du willst die Kontrolle über deinen Schreibtisch haben. Aber sobald du Investoren ins Boot holst, gibt es dann andere Dinge, über die du dir Gedanken machen musst.

Natürlich haben viele Start-ups keine andere Wahl. Die brauchen Investoren, um loszulegen. Aber ich brauche das nicht. Also ist es ziemlich einfach: Ich hole sie mir erst gar nicht erst rein. Wir haben lieber alles selbst unter Kontrolle, um in die Richtung zu tragen, von der wir glauben, dass es die richtige für uns und unsere Nutzer ist.

Opera war geschätzt für seinen Presto-Kernel. Bei Vivaldi nutzt ihr jetzt Googles Blink. Plant ihr, wieder einen eigenen Kern zu entwickeln?

Nein. Wenn du realistisch bist, dann hat in den letzten 20 Jahren niemand einen neuen Browser von Null gebaut. Und es gibt auch einen Grund, warum das weder Apple noch Google gemacht haben: Es ist einfach wahnsinnig schwer.

Bei Opera habt ihr es aber gemacht…

…und wir hatten ein Team von 100 Leuten, die ausschließlich am Kern gearbeitet haben. Natürlich ist es möglich, wenn du die Mittel und die Zeit dafür hast. Aber selbst dann musst du dich noch ewig mit Kompatibilitätsproblemen rumschlagen. Ich fand, dass wir damals bei Opera weiter daran hätten tüfteln sollen. Aber das hätte noch mehr Arbeit erfordert. Und das hat dann das Management gestoppt.

Jetzt, mit unserem kleinen Vivladi-Team, würde es Jahre dauern, um einen neuen Browser aus dem Nichts zu entwickeln. Da macht es mehr Sinn, einen funktionieren Kern zu nutzen und ihn mit der Zeit unseren Bedürfnissen anzupassen. Letzten Endes hat es Google genauso gemacht. Die haben WebKit von Apple übernommen. Und Apple hat es eigentlich von KDE. So entwickelt es sich.

Wir konzentrieren uns erst mal auf die Benutzeroberfläche, und da liegt jede Menge Arbeit vor uns. Wir haben einige Millionen Downloads und ein paar hunderttausend aktive User. Ich finde das ziemlich gut für etwas, was immer noch unfertig ist.

Wo wir gerade dabei sind: Wann wollt ihr Vivaldi aus der Beta-Phase heben?

Die übliche Antwort ist: Wenn es fertig ist. Wir versuchen es so schnell wie möglich durchzukriegen. Und wenn man darüber nachdenkt, dass wir schon zwei Betas hatten, geht es langsam in die heiße Phase. Unsere Nutzer sagen uns, dass wir kurz davor sind.

Wie sieht es mit einer Mobile-Version aus?

Mobile ist etwas, über das wir schon nachgedacht und etwas Zeit hinein investiert haben. Aber wir sind nur ein kleines Team und fangen klein an. So haben wir uns für die Desktop-Ecke entschieden. Wir denken einfach, dass da kurzfristig die größere Nachfrage ist. Aber Mobile ist auf dem Schirm und wir arbeiten dran.

 

Erschienen auf digtator.de

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