Wenn Marxisten joggen

Auf der Spitze des Hochofens 5 weiß Peter Römmele nicht, ob er schwärmen oder schweigen soll. Unter ihm liegt der Landschaftspark Duisburg-Nord, Ankerpunkt auf der „Route der Industriekultur“ und ausgezeichnet für seine Landschaftsarchitektur. Der Stahlarbeiter verbindet mit seinem Finger die rotbraunen Klötze, die schief aus dem üppigen Grün des Parks ragen: Erzbunkeranlage, Gießhalle, Hochofen, Kaltwalzwerk. Der Beton am Fuß der Anlagen wurde von wuchernden Pflanzen aufgesprengt und der Stahl vom Regen mit Rost überzogen. Entlang der alten Transportschienen verläuft Römmeles Joggingstrecke. Er läuft sie so gut wie jeden Morgen. Römmele liebt den Park. Erst einmal schweigt er.

Dabei ist der Park ein Ort, den es, wenn es nach ihm ginge, eigentlich gar nicht geben sollte. An dem man sehe, „wie es nicht laufen sollte“. Der für all das steht, wogegen Peter Römmele seit fast zwei Jahrzehnten kämpft.

Der Landschaftspark im Duisburger Norden ist das schöne Ergebnis des schmerzhaften Niedergangs der Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Der Hochofen, von dem Römmele hinabblickt, war gerade einmal zwölf Jahre in Betrieb, bevor er wegen Überkapazitäten abgeschaltet wurde, wie seine vier Vorgänger. Zwar ist Duisburg mit rund 20.000 Beschäftigten noch heute der größte Stahlstandort Europas. Doch die Öfen im Park künden von der Vergangenheit wie von der Zukunft. Sie dienen nun als Kletterpark. Der Gasometer wurde geflutet und zu einer Tauchstation umgebaut. An den Geländern haben verliebte Paare gravierte Vorhängeschlösser angebracht.

Peter Römmele kämpft gegen diese Schließungen. Er gehört zur „MLPD-Landesleitung Nordrhein-Westfalen“ – einer Partei, die außerhalb der Stahlbranche höchstens wegen ihres markigen Namens bekannt ist: die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands. In ihrem Programm fordert sie den „Sturz der kapitalistischen Herrschaft“ und den „Sieg der sozialistischen Weltrevolution“ unter der Diktatur des Proletariats. Bei der letzten Bundestagswahl erreichte die MLPD 0,1 Prozent.

In der Stahlbranche allerdings genießen die Marxisten einen Rückhalt, der weit über dem Bundesdurchschnitt liegt. Die MLPD stellt Vertrauensleute und hat enge Verbindungen zu einzelnen Betriebsräten. Vor den Werkstoren verteilen Mitglieder Flyer, sie schreiben an Mitarbeiterzeitungen mit.

Der stärksten Gewerkschaft der Branche, der IG Metall, gilt die MLPD seit den 1970er Jahren als „gegnerische Organisation“, auf Grundlage ihres Unvereinbarkeitsbeschlusses kann sie MLPD-Mitglieder ausschließen. Aber der Stahl und die MLPD sind eng miteinander verknüpft. Nach wie vor stehen die Marxisten für kompromisslose Arbeitskämpfe. „Uns wird gesagt, der Konzern müsse Gewinne machen und wir Verständnis haben, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden“, sagt Römmele. „Wir haben dieses Verständnis nicht. Wir akzeptieren diese Profitlogik nicht.“ Natürlich sei die MLPD eine radikale Partei. „Eben eine, die immer auf der Seite der Arbeiter steht.“

Und mehr denn je sehen die Arbeiter der deutschen Stahlbranche gerade einer sehr ungewissen Zukunft entgegen. 1,6 Milliarden Tonnen Rohstahl wurden 2016 weltweit gekocht, davon allein 808 Millionen, etwa die Hälfte, in China. Dahinter folgt die EU mit 162 Millionen Tonnen und rückläufiger Tendenz, während die Produktion in China, Japan und Indien stagniert oder wächst.

Tata steht vor der Tür

Deutschland liegt auf Platz sieben und hat am Weltmarkt einen Anteil von nur noch 2,6 Prozent. Gegen den Verlust an Bedeutung lobbyiert die Wirtschaftsvereinigung Stahl, ein Zusammenschluss der hier produzierenden Unternehmen; sie wehrt sich gegen den EU-Emissionsrechtehandel, fordert deutlich schärfere Anti-Dumping-Maßnahmen gegen Billig-Importe aus China und fürchtet nun zugleich eine Abschottung des US-Marktes, da Präsident Donald Trump propagiert, er würde heimische Hersteller stärken und verlorene Jobs zurückbringen.

Derweil gleicht die europäische Stahlindustrie einem Risiko-Spielbrett. Der Weltmarktführer ArcelorMittal mit Sitz in Luxemburg und Zentrale in London sowie der indische Hersteller Tata Steel teilen einen Großteil der Produktionsstätten unter sich auf. Arcelor und Mittal, einst die größten Stahlproduzenten der Welt, fusionierten 2007 und halten Werke in Deutschland, den Niederlanden, der Ukraine und Polen. Der Stahlhersteller Corus, eine Fusion aus Königlich niederländische Hochöfen und British Steel, gehört heute zu Tata. Das könnte bald auch für Thyssenkrupp gelten.

Längst investiert der Konzern nicht mehr in die Stahlproduktion, sondern in Aufzugsanlagen, Tagebautechnik oder Rüstungsgüter. Am liebsten würde die Konzernspitze die Stahlsparte sofort abstoßen, um diesen schwierigen Posten aus der Bilanz zu tilgen. Werke in den USA und Brasilien hat sie bereits verkauft.

Seit mehr als einem Jahr laufen Verhandlungen mit Tata über eine europäische Stahl-Allianz. Zuletzt machten Vermutungen die Runde, dass sich Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit einer Minderheitsbeteiligung für Thyssenkrupp zufriedengeben könnte. Dass die Fusion kommt, daran zweifelt niemand mehr. In Kreisen der IG Metall gilt als wahrscheinlich, dass das Memorandum of Understanding diesen Sommer veröffentlicht wird. Die Fusion, da ist man sich sicher, wird Schließungen bedeuten. Schon bekannt sind die Sparpläne für die Stahlbranche: 500 Millionen Euro will Thyssenkrupp im Laufe der nächsten drei Jahre in der Stahlproduktion einsparen – auch über Personalkosten.

Ein blaues Firmen-Poloshirt für ihn sei da wohl auch nicht mehr drin, sagt der Pförtner an Tor 4, bevor er Julia Willms an einem heißen Julimorgen auf das Thyssenkrupp-Gelände im Dortmunder Osten lässt. Willms ist Auszubildende, statt des üblichen Pütthemds trägt sie heute das hellblaue Polohemd mit Firmenlogo, vor einem Jahr hat sie es zum Ausbildungsbeginn geschenkt bekommen. Ob er auch so eines bekommen könne, scherzt der Pförtner. Willms verspricht nachzufragen. Der Pförtner lacht, winkt ab und verschwindet in seinem Häuschen.

Willms ist Jugendauszubildendenvertreterin (JAV) am Standort Westfalenhütte. 1871 von Stahlunternehmer Leopold Hoesch gegründet, ist das Werk bis heute untrennbar mit der Geschichte Dortmunds verknüpft. Nach dem Krieg war es einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Werksarbeiter machten den angrenzenden Borsigplatz zum Mittelpunkt der schwarz-gelben Fankultur. 2001 legte Thyssenkrupp den letzten Hochofen still. Arbeiter bauten das komplette Stahlwerk ab und in China wieder auf. Heute wird hier nur noch gewalzt, veredelt und feuerbeschichtet.

Willms’ Großvater war Tischler in Dortmund, der Vater ebenso. „Ich wäre sowieso keine Büromaus geworden“, sagt die 21-Jährige. Zusammen mit vier weiteren „JAVs“ teilt sie sich ein kleines Büro im zweiten Stock über der Auszubildendenwerkstatt. 123 der 960 Azubis in der Stahlspartewerden hier angelernt. Wie lange noch, weiß Willms nicht. Es geht das Gerücht um, im Falle einer Fusion werde nur noch in Duisburg ausgebildet. „Unser Werk geht mehr oder weniger zugrunde, wenn die Alten gehen“, sagt Willms. „Würden wir nicht angelernt und übernommen werden, könnten wir das Werk nicht halten.“

„Halten“ ist ein Wort, das sie in Dortmund häufig benutzen. Es offenbart den Fatalismus, der viele Azubis umgibt. Bewahren, was geht. Weitermachen, wie immer. Wenn Willms ihren Kollegen von Versammlungen erzählt, auf denen Gewerkschafter Strategien gegen Sparpläne und Fusion erörtern, dann hört sie oft: „Können wir eh nichts dran ändern, also was soll’s.“ Zum letzten Streik in Duisburg seien sie mit drei Bussen gefahren, sagt Willms. „Eigentlich hätten wir 20 vollmachen müssen.“

Wie damals in Rheinhausen

Angst um ihre persönliche Zukunft hat die 21-Jährige nicht. Die Ausbildung bei Thyssen ist gut, sie fände wohl auch anderswo einen Job, erst einmal wird sie als JAV-Mitglied sowieso fest übernommen. Ohnehin wurden in den letzten Jahren alle Azubis übernommen. Bei einer Fusion wird das kaum so bleiben.

Auf den Stufen des stillgelegten Duisburger Stahlwerks sagt Peter Römmele: „Die MLPD hat sich immer für die Übernahme aller Azubis und Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich eingesetzt und sich für entsprechende Tarifverträge engagiert.“ Große Teile der IG Metall sehen das anders. „Wir haben noch nie erlebt, dass die MLPD auch nur irgendetwas gelöst hätte“, heißt es aus Betriebsratskreisen. Die Azubi-Übernahme etwa sei nur möglich gewesen, weil im Gegenzug auf vollen Lohnausgleich verzichtet worden sei. Die MLPD wiederum fühlt sich mit einem „antikommunistischen Bannstrahl“ belegt und bezichtigt Betriebsräte der Gewerkschaft, sie betrieben „Co-Management“ – mit diesem Argument sammelte etwa eine MLPD-nahe Betriebsrätin zuletzt in Dortmund Unterschriften dagegen, dass ihr die Mehrheit des Gremiums keinen eigenen Betreuungsbereich zugesteht. IG-Metall-Betriebsräte antworteten mit einem Schreiben an die Belegschaft, in dem sie der Frau vorwarfen, die Parteidoktrin der MLPD sei ihr anscheinend wichtiger als die Vertretung der Interessen der Kollegen. Und von wegen „Co-Management“: Ihre Umsetzung auf Frühschicht bei kompletter Entgeltabsicherung samt Diensthandy durch den Arbeitgeber habe sie selbst ja „wohlwollend“ angenommen. Immer wieder entsteht Streit: Gewerkschafter verlassen den Saal, wenn MLPDler zu reden beginnen. Beim Stahlaktionstag im Mai in Duisburg mit 7.500 Beschäftigten gab es Furore, weil moderate Gewerkschafter MLPD-Leute ausschließen wollten.

Eigentlich sind sich beide Kräfte einig, was sie wollen: gegen Sparpläne und Stellenabbau kämpfen. Nur bei der Umsetzung bröckelt die Einheit. Die MLPD setzt auf rigorosen Arbeitskampf. „Mit den üblichen Mitteln, die das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht, wird es nicht gehen“, sagt Römmele. „Ich brauche keine Angst davor zu haben, dass die Belegschaft auf die Straße geht und sich vielleicht nicht an alles hält, was vom Bürgerlichen Gesetzbuch noch erlaubt ist.“ Die Arbeit der MLPD sei eine „Gefahr für den Konsens“, heißt es dagegen bei der IG Metall.

Römmele will keinen Konsens, vorerst zumindest nicht. Wenn er von Arbeitskampf redet, kommt er oft auf Rheinhausen zu sprechen und meint damit die Wochen im Winter 1987/88: Die Krupp AG hatte die Schließung des Hüttenwerks in Duisburg-Rheinhausen verkündet – was folgte, war ein Arbeitskampf, der bis heute für viele Stahlarbeiter legendär ist: Gewerkschafter bildeten Menschenketten, errichteten Straßensperren und stürmen die Tagung des Aufsichtsrats. Im Februar 1988 spielten die Toten Hosen, Rio Reiser, Herbert Grönemeyer und Klaus Lage vor 47.000 Menschen im Walzwerk. Nach 160 Tagen endete der Arbeitskampf. Fünf Jahre später schloss Rheinhausen. Ein Sieg war es trotzdem.

Zum einen, weil niemand arbeitslos wurde. Zum anderen, weil Rheinhausen einen Mythos begründete, von dem Gewerkschafter bis heute zehren. Der zeige, dass jeder Arbeitskampf mit Aufklärung über den Kapitalismus verknüpft sein müsse, sagt Römmele. „Wer sind die Eigentümer der Produktionsmittel? Wieso werden sie nicht enteignet und die Produktionsmittel in Gemeineigentum überführt? Wieso bestimmen nicht die Arbeiter?“

Angesichts der drohenden Fusion mit Tata will auch Julia Willms den Arbeitskampf bis zum Ende führen. Um eine bessere Einigung zu finden, könne man nie genug streiken. Mit der MLPD will sie trotzdem nichts zu tun haben. Es gebe wichtigere Probleme als ideologische Grabenkämpfe. Dann lacht sie. „Die meisten haben doch ohnehin so gut wie abgeschlossen“, sagt Willms und blickt aus dem Fenster auf das riesige Areal der Westfalenhütte. Eigentlich eine schöne Joggingstrecke.

Erschienen im Freitag 30/2017

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