Die Zombiemacher

Am Strand von Mallorca lässt Christian Lindner die Bombe platzen. Man müsse die Krim zunächst als dauerhaftes Provisorium ansehen, erklärt der Parteivorsitzende mitten im Wahlkampf. Tagesschau und Onlinemedien stürzen sich auf die Nachricht: „Christian Lindner: Neustart der Beziehungen mit Russland.“

Doch weder Tagesschau noch der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung oder die Zeit haben persönlich mit Lindner geredet. Das „Urlaubsinterview“ findet in keinem nationalen Leitmedium statt. Dafür erscheint es „exklusiv“ in der Berliner Morgenpost, dem Hamburger Abendblatt und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Es erscheint zeit- und wortgleich, in der Thüringer Allgemeinen, dem Harzkurier, der WR, WP, NRZ und anderen Titeln mit Buchstabenkombinationen. „Christian Lindner beim Gespräch mit unserer Redaktion auf Mallorca“ steht jeweils in der Bildunterschrift. Man kann nur erahnen, was Lindner für einen Stress gehabt haben muss, mit einem Dutzend Redaktionen gleichzeitig im Schatten der mallorquinischen Sonne über die Krim zu reden. Was für ein Aufwand es gewesen sein muss, in jede der Redaktionskameras exakt gleich analytisch, am Objektiv vorbei, auf die Dutzenden Redakteure zu blicken, die – was für ein Zufall! – auch noch alle denselben, exklusiven Namen tragen: Jochen Gaugele.

Gaugele, nur du allein

Eigentlich arbeitet Jochen Gaugele in keiner der oben genannten Redaktionen, zumindest nicht direkt. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Berliner „Zentralredaktion“ der Funke-Mediengruppe. Die Redaktion liefert, so das Unternehmen, „journalistische Themen mit nationaler und internationaler Bedeutung aus Politik und Wirtschaft an die Regionalmedien der Gruppe an allen Standorten“. Und deshalb muss auch niemand aus Westfalen, Thüringen oder dem Harz mit Lindner reden. Es reicht, wenn Gaugele von Tegel nach Palma fliegt.

Die Geschichte der Funke-Gruppe ist eine beispiellose Erzählung von Einsparungen, Zusammenlegungen und Verschlankungen. Jeder, der im Laufe der Jahrzehnte für Funke gearbeitet hat, kann seine eigene erzählen. Uli Thormählen hat gleich mehrere Geschichten. Er könnte sie selbst schreiben, fast 30 Jahre war er Redakteur der Westfälischen Rundschau (WR). Aber Thormählen schreibt nicht mehr, inzwischen ist er Altenpfleger. Er hat sich so weit vom Journalismus verabschiedet, dass es nicht mehr wehtut, sagt er.

Als Uli Thormählen in den 1980er Jahren als Sportredakteur in Hagen beginnt, gehört die WR bereits zur WAZ-Gruppe, dem Vorläufer der Funke-Mediengruppe. Jahre zuvor hatte die WAZ, einst selbst eine reine Lokalzeitung, mehrere Konkurrenzblätter aufgekauft. In den 1980er Jahren leistet sie sich fünf komplette Mantelredaktionen im Ruhrgebiet, plus mindestens zwei Lokalredaktionen in jeder der 53 Kommunen. Inhaltlich bleiben die Zeitungen dennoch unabhängig. „Die goldene Zeit der Redaktionen“, nennt Thormählen das.

Mit dem Zeitungssterben beginnen auch die Einsparungen. 2006 löst die WAZ-Gruppe die Sport-Lokalredaktion der WR in Hagen auf. Die Idee ist simpel: Statt eigene Mitarbeiter zu beschäftigen, kauft die WAZ künftig den Sportteil der Konkurrenz ein und vertreibt ihn im gewohnten WR-Layout als eigenen Inhalt. Lediglich die Autorenkürzel ändern sich. Der Leser merkt davon beinahe nichts.

Einzigartige Härte

Uli Thormählen wechselt in die Lokalredaktion zwei Städte weiter. 2013 wird er ein zweites Mal eingespart. In einem Handstreich schließt die WAZ, die mittlerweile als Funke-Mediengruppe firmiert, sämtliche WR-Standorte. Die 120 Redakteure, die ihren Job verlieren, erfahren davon aus einer Pressemitteilung, die vielen freien Journalisten hören es erst im Radio. Die Schließung funktioniert nach dem Hagener Outsourcing-Modell: Die Lokalteile werden von den konkurrierenden Redaktionen gekauft und geliefert, das Layout angepasst, und die Blattfarbe von Blau auf Rot gestellt. Den Mantelteil schreibt der zentrale „Content-Desk“ der WAZ in Essen. Die Westfälische Rundschau erscheint als vollwertige Zeitung, ohne eine einzige eigene Redaktion zu besitzen. Was bleibt, ist lediglich die Marke und ihr Chefredakteur. Von einer „Zombiezeitung“ ist damals die Rede.

Wer heute in die verwinkelte Regionalzeitungsstruktur der Funke-Gruppe blickt, sieht einen Zeitungsverlag, der ausschließlich nach marketingstrategischen Gesichtspunkten geführt wird: einerseits die Reichweite durch Zusammenlegung vergrößern, andererseits die vorhandenen Printmedien mit geringstmöglichem Aufwand so profitabel wie möglich machen. Das alles könnte man der Funke-Mediengruppe vorwerfen. Doch die gesellschaftliche Wirklichkeit gibt ihr Recht. Das System, so hart es auch ist, scheint zu funktionieren. Wer braucht schon ein Dutzend Redakteure, wenn ohnehin überall dasselbe steht? Funke schafft mit einem Bruchteil des ursprünglichen Personals ein Produkt, das zumindest äußerlich ohne Einsparungen auskommt. Und Christian Lindner dürfte mit seinem einen Urlaubsinterview mit der Zentralredaktion auf einen Schlag einen Großteil seines Wahlpublikums erreicht haben.

Auch andere Verlage haben das System „Zentralredaktion“ für sich entdeckt. DuMont gründete bereits 2010 eine Hauptstadtredaktion, in der rund 20 Autoren den überregionalen Politik- und Gesellschaftsteil der DuMont-Zeitungen bespielen. Der Wirtschaftsteil, so das Unternehmen, stamme von „namhaften Autoren aus Frankfurt“. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland der Madsack-Gruppe beliefert von Hannover aus die 15 konzerneigenen Tageszeitungen, plus weitere 15 externe Partner von Leipzig bis Kiel.

Ein Deal mit Springer

Einzigartig bleibt die Härte, mit der die Funke-Gruppe diesen Wandel vollzieht. Knapp ein Jahr, nachdem der Konzern als Sparmaßnahme die 120 Redakteure der Westfälischen Rundschauentlassen hat, kauft er einen bunten Strauß aus Tageszeitungen, TV-Programmzeitschriften und Frauenmagazinen des Axel-Springer-Verlags – dank eines günstigen Kredits von Springer selbst. Der neue Chefredakteur Jörg Quoos war unter Kai Diekmann fast zehn Jahre stellvertretender Chef der Bild. Der stellvertretende Zentralredaktionschef und Lindner-Interviewer Jochen Gaugele kommt von der Welt.

„So wichtig die Optik heute ist – noch wichtiger ist für die Leserinnen und Leser der Inhalt der Zeitung“, schrieb der ehemalige WR-Chefredakeur Klaus Schrotthofer zum 60-Jährigen Jubiläum der Westfälischen Rundschau 2006. Als Stärken der WR nennt er damals „Glaubwürdigkeit, Kompetenz und die Verankerung in der Region“. Gut zehn Jahre später ist insbesondere von Letzterem nicht mehr viel zu spüren – auch wenn rein optisch alles beim Alten ist. Aber das System Funke funktioniert. Noch jedenfalls.

Zuerst erschienen im Freitag 42/17

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