Drama am Buffet: Wenn das Catering zum Klassenkampf wird

Aktionärsversammlungen sind selten ein Genuss. Die meiste Zeit sitzen die Anleger zusammengesunken in ihren Stühlen, grunzen zustimmend, schnaufen ablehnend, und warten darauf, dass das Catering beginnt. Dabei werden die besten Geschichten sowieso nicht am Rednerpult, sondern am Buffet geschrieben. Wie vor einigen Tagen bei Daimler. Dort servierte man den 5.500 Anteilseignern zu Mittag rund 12.500 sogenannte Saitenwürschtle. Was folgte, war eine durch und durch schwäbische Tragödie.

So soll ein Aktionär (Akt I, Exposition) gleich mehrmals Würstchen zum Mitnehmen in eine Tüte gesteckt haben. Zu viel Unrecht für eine weitere Anteilseignerin, die den Kollegen auf seine Naturaliendividende ansprach (Akt II, sie merken sicher das erregende Moment). Der Schlagabtausch verschärfte sich (Akt III, Klimax), bis die Berliner Polizei den Konflikt lösen musste. Der Würstchendieb wurde zur Rede gestellt (Akt IV, Retardation), worauf die Anteilseignerin Strafanzeige (Akt V, Katastrophe) wegen Beleidigung stellte. Aristoteles hätte bei dieser Regeldramatik feuchte Augen bekommen. Ob die Protagonisten nun abschließend kathartisch geläutert sind, bleibt offen.

Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff kündigte jedenfalls an, nächstes Jahr entweder mehr oder gar keine Würstchen mehr anzubieten. Es gilt jedoch als ziemlich sicher, dass die Aktionäre lieber auf die Dividende denn auf die Saitenwürschtle verzichteten.

Aber kann man unserem schwäbischen Helden nun wirklich böse sein? Immerhin ist er auch nur das arme Würstchen am Bändel der Großkonzerne. Und wenn man ehrlich ist, gibt es auch gute Gründe für den Fleischklau.

Stichwort Panama Papers: Im Gegensatz zu Finanzhaien, die ihr Geld in Steueroasen verschiffen, ist ein Anleger, der am Daimlerbuffet Würstchen hamstert, ein eher überschaubares Problem. Am Ende will er wahrscheinlich einfach nur einen Snack für die Rückfahrt. Und zwar nicht in der S-Klasse, sondern im 2.-Klasse-Waggon. Vielleicht sogar im Reisebus. Zudem besitzt er vermutlich keine Briefkastenfirma. Ja, gut möglich, dass der würstchenklauende Kleinanleger sogar Steuern zahlt. Hier, bei Daimler, zwackt er sich deshalb nur ein Quantum Genugtuung ab. Die Tupperdose ist die Briefkastenfirma des kleinen Mannes.

Glaubt man den Stuttgarter Nachrichten, ist unser schwäbischer Protagonist aber nur die Spitze des Eisbergs.In Berlin habe sich mittlerweile eine „Hardcore-Szene“ aus Rentnern etabliert, die ihren „Tagesplan am Hauptversammlungsgeschehen“ (genauer: dem Hauptversammlungs-Catering) ausrichtete. Diese Szene ist weder rechts noch links, sie hat einfach Hunger. Sie futtert sich durch die Messehallen wie Termiten durch einen Ikea. Eine kulinarische Querfront, die begriffen hat, dass Steuerschulden und überhöhte Bonuszahlungen nicht vor Gericht, sondern am Buffet beglichen werden.

Wenn Sie glauben, hier würde sich über Buffetdiebe lustig gemacht, liegen Sie falsch. Wissen Sie was? Vergessen Sie das „überschaubare Problem“. Buffet-Hooligans sind eine ernstzunehmende Gefahr. Laut dem ehemaligen Finanzvorstand von Beiersdorf, Ulrich Schmidt, gehen rund zehn Prozent der Kosten einer Hauptversammlung nur für das Catering drauf. Zehn Prozent! Wenn der Gefrierbeutel erst zur Standardausrüstung wird, war’s das mit den dicken Boni. Dann schieben sich die Aktionäre Würstchen rein, und der Vorstand nagt am Hungertuch.

Da kann man ruhig schon mal die Polizei rufen.

Jon von Tetzchner, Internetvirtuose

Jon von Tetzchner ist ein digitaler Veteran. 1995, in den goldenen Netscape-Jahren, gründete der isländische Programmierer Opera Software. Das Unternehmen wurde zu einem der vier großen Browserfirmen. 2011 verließ Tetzchner Opera. Jetzt bläst er mit seinem neuen „Vivaldi“-Browser zum Gegenangriff. Eine schwierige Mission in einem hart umkämpfen Markt.

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Jon von Tetzcher. „Bei Vivaldi sehen wir den Browser als ein Werkzeug.“

Es dauert einen Moment, bis Tetzchner den Anruf annimmt. Es ist neun Uhr morgens in Boston. Er sitzt in einem hellen Büro ­– lockeres Sacko, verwuschelte Haare. Ziemlich bescheiden für jemanden, der die Browserwelt übernehmen will.

Jon, ganz ehrlich: Wer braucht im Jahre 2016 noch einen neuen Browser?

Es gibt mehr als drei Millionen Menschen im Internet. Man kann davon ausgehen, dass nicht jeder den gleichen Geschmack hat, und nicht jeder das gleiche will. Man braucht eine Auswahl.

Was wir aber sehen, ist: Alle großen Browser gehen in dieselbe Richtung. Es gibt diesen Trend, alles so simpel wie möglich zu halten, um den Nutzer bloß nicht zu überfordern. Opera ist diesen Weg gegangen – Google und Microsoft natürlich auch. Mozilla hat angekündigt, das gleiche zu tun. Dadurch sehen alle Browser ziemlich gleich aus. Sie sind optimiert für Einsteiger.

Und was macht Vivaldi anders?

Vivaldi hat ein nutzerzentriertes Design. Wir möchten uns dem User anpassen. Ich glaube, das Credo der anderen Browser ist: „Lasst uns ein möglichst einfaches Programm bauen, das durch die Suchmaschinen läuft und Dinge findet.“ Bei Vivaldi sehen wir den Browser eher als ein Werkzeug. Für Nutzer, denen Funktionalität wichtig ist, und die den Browser ihren Gewohnheiten anpassen wollen.

Das hört sich nach einer Neuauflage des alten Opera-Browsers an…

Wir haben ein paar gute Sachen bei Opera gemacht. Und es gab eine Menge Leute, denen das gefallen hat. Als sich Opera entschieden hat, in die gleiche Richtung wie alle anderen zu gehen, haben sie viele Leute zurückgelassen.

Also ein neuer Browser für Opera-Nostalgiker?

Natürlich fangen wir bei den Leuten an, die schon vorher Opera genutzt haben. Es gibt 60 Millionen User, und viele von denen arbeiten immer noch mit Opera 12, obwohl es schon seit Jahren kein richtiges mehr Update gab.

Gleichzeitig merkten wir aber, dass es eine Menge Nutzer gibt, die noch nie Opera hatten. Aber ihnen gefällt die Idee eines üppigen Browsers, der mehr kann, als nur Fenster zu öffnen. Wir haben also etwas für die alten Opera-Nutzer und für die, die auf eine neuere Versionen gewechselt haben. Und wir haben etwas für Leute, die einfach finden, dass ein Browser mehr können sollte.

 

Auf der anderen Seite müsst ihr natürlich profitabel werden. Wie sieht ein erfolgreiches Geschäftsmodell für Browser aus?

Kommt darauf an, ob du eine Mobile oder PC-Version hast. Bei PCs ist es ziemlich einfach: Du stellst einen Browser ins Netz. Kostenlos. Womit du Geld verdienst, sind Affiliate-Partner wie Suchmaschinen.

"Ich brauche keine Investoren"
„Ich brauche keine Investoren“

Ist das Modell nicht überholt? Marktführer wie Google haben schließlich mittlerweile ihre eigenen Browser.

Ja, Google hat Chrome gebaut. Vorher haben sie einen guten Anteil an uns gezahlt. Auch Mozilla hat Yahoo als Standard-Suchmaschine.

Klar, da gibt es kein großes Einkommen pro User pro Jahr. Bei Opera war es ungefähr ein Dollar. Also keine riesen Menge Geld. Aber wenn du genug Nutzer hast, funktioniert das Modell. Bei Vivaldi brauchen wir ein paar Millionen Menschen, um ins Plus zu kommen. Ich denke, die Zahl ist realistisch.

Ist sie? Ihr seid immerhin ein Nischenprodukt.

Natürlich wird das kein Spaziergang. Wir müssen ins Gespräch kommen. Aber das Feedback, das wir bekommen, ist großartig. Und weil wir uns nur auf eine bestimmte Nutzergruppe beschränken, funktioniert das alles ziemlich gut.

Das Schöne an Afilliate-Deals ist, dass die richtigen Partner den Nutzern mit ihren Features zugute kommen können. Und weil wir nur über kleine Beträge sprechen, müssen wir nicht irgendeinen Blödsinn machen.

Es scheint, als wärst du kein großer Freund von Investoren. Wie kommt’s?

Naja, als ich Opera aufgebaut habe, haben wir sukzessiv Investoren reingeholt. Aber wir hatten Pech und einige Investoren waren nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.

Ab da gab es ständig Grabenkämpfe, weil sie die Firma verkaufen wollten. Und das hat für eine wahnsinnig schlechte Atmosphäre gesorgt. Das ist einer der Gründe, warum ich die Firma letztendlich verlassen habe. Es war einfach zu viel. Ein permanenter Kampf.

Mit Vivaldi ist es anders. Schließlich finanzierst du die Firma komplett selbst, richtig?

Bei Vivaldi wollte ich nicht den gleichen Fehler noch mal machen. Wir möchten uns darauf konzentrieren, den besten Browser für unsere Nutzer zu bauen. Das ist alles. Natürlich müssen wir mittelfristig wirtschaftlich werden, aber wir brauchen keine Traumwerte. Wir müssen die Rechnungen bezahlen und werden hoffentlich profitabel, aber es ist kein finanzielles Ding. Das ist nicht der Grund, warum ich es mache.

Das hört sich sehr ideologisch an…

So geht es ja jedem, der eine eigene Firma gründet. Du willst die Kontrolle über deinen Schreibtisch haben. Aber sobald du Investoren ins Boot holst, gibt es dann andere Dinge, über die du dir Gedanken machen musst.

Natürlich haben viele Start-ups keine andere Wahl. Die brauchen Investoren, um loszulegen. Aber ich brauche das nicht. Also ist es ziemlich einfach: Ich hole sie mir erst gar nicht erst rein. Wir haben lieber alles selbst unter Kontrolle, um in die Richtung zu tragen, von der wir glauben, dass es die richtige für uns und unsere Nutzer ist.

Opera war geschätzt für seinen Presto-Kernel. Bei Vivaldi nutzt ihr jetzt Googles Blink. Plant ihr, wieder einen eigenen Kern zu entwickeln?

Nein. Wenn du realistisch bist, dann hat in den letzten 20 Jahren niemand einen neuen Browser von Null gebaut. Und es gibt auch einen Grund, warum das weder Apple noch Google gemacht haben: Es ist einfach wahnsinnig schwer.

Bei Opera habt ihr es aber gemacht…

…und wir hatten ein Team von 100 Leuten, die ausschließlich am Kern gearbeitet haben. Natürlich ist es möglich, wenn du die Mittel und die Zeit dafür hast. Aber selbst dann musst du dich noch ewig mit Kompatibilitätsproblemen rumschlagen. Ich fand, dass wir damals bei Opera weiter daran hätten tüfteln sollen. Aber das hätte noch mehr Arbeit erfordert. Und das hat dann das Management gestoppt.

Jetzt, mit unserem kleinen Vivladi-Team, würde es Jahre dauern, um einen neuen Browser aus dem Nichts zu entwickeln. Da macht es mehr Sinn, einen funktionieren Kern zu nutzen und ihn mit der Zeit unseren Bedürfnissen anzupassen. Letzten Endes hat es Google genauso gemacht. Die haben WebKit von Apple übernommen. Und Apple hat es eigentlich von KDE. So entwickelt es sich.

Wir konzentrieren uns erst mal auf die Benutzeroberfläche, und da liegt jede Menge Arbeit vor uns. Wir haben einige Millionen Downloads und ein paar hunderttausend aktive User. Ich finde das ziemlich gut für etwas, was immer noch unfertig ist.

Wo wir gerade dabei sind: Wann wollt ihr Vivaldi aus der Beta-Phase heben?

Die übliche Antwort ist: Wenn es fertig ist. Wir versuchen es so schnell wie möglich durchzukriegen. Und wenn man darüber nachdenkt, dass wir schon zwei Betas hatten, geht es langsam in die heiße Phase. Unsere Nutzer sagen uns, dass wir kurz davor sind.

Wie sieht es mit einer Mobile-Version aus?

Mobile ist etwas, über das wir schon nachgedacht und etwas Zeit hinein investiert haben. Aber wir sind nur ein kleines Team und fangen klein an. So haben wir uns für die Desktop-Ecke entschieden. Wir denken einfach, dass da kurzfristig die größere Nachfrage ist. Aber Mobile ist auf dem Schirm und wir arbeiten dran.

 

Erschienen auf digtator.de

Rutsch raus, Hurensohn: Wenn geknickte Idealisten ein Weihnachtsalbum machen

Die Kölner Band Erdmöbel legt mit „Geschenk +3“ ein weihnachtliches Anti-Weihnachtsalbum vor.

Helene Fischer hat ein Weihnachtsalbum aufgenommen, zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Stille Nacht ist drauf und Ave Maria. Und Vom Himmel hoch, da komm ich her, im Duett mit Xavier Naidoo. Ob in Shoppingzentren oder im Privatfernsehen, man kommt in diesen Tagen nicht an dem Werk vorbei. In 35 Songs manifestiert ein blonder Weihnachtsengel den zuckerglasierten Liederkanon zum Weihnachtsfest. In der „Deluxe Edition“ kriegt man noch zwei Christbaumkugeln obendrauf.

Nicht wenige Menschen blubbern bei so viel Besinnlichkeit spontan Lebkuchenkotze in den Glühweinbecher. Musikalisch gesehen herrscht an Weihnachten in Deutschland ein schmerzlicher kreativer Stillstand. In vielen Haushalten klebt auf der letzten Weihnachts-CD immer noch der DM-Preis.

Die Einzigen, die das stilvoll ändern können, sind Erdmöbel. Die Kölner Band rennt seit 2007 gegen den zimtsternsüßen Stillstand an. „Weihnachten, ist mir doch egal“ sangen sie damals auf die Melodie von Whams Last Christmas. Seitdem hat die Band jedes Jahr einen Song zum Thema veröffentlicht. 2014 folgte das Weihnachtsalbum Geschenk. Mit Geschenk +3 wagen die Musiker jetzt, nur ein Jahr später, die Wiederveröffentlichung – mit drei zusätzlichen, neuen Songs. Es ist, als bekäme man die gleiche Uhr geschenkt wie letztes Jahr, nur diesmal mit schönerem Armband. Aber vielleicht ist es einfach höchste Zeit, einen eigenen, einen Anti-Helene-Weihnachtskanon zu bauen, ganz strategisch.

Geschenk + 3 ist ein Album voller bittersüßer Widerspruche. Der erste Song heißt Goldener Stern, das Weihnachtsfest beginnt da nicht unter dem Baum, sondern im Warenhaus: Der goldene Stern dreht sich im Schaufenster, der kleine Jesus sucht im Rabattchaos seinen Papa. In Melodica, eines der drei neuen Stücke, fleht Gastsänger Ulrich Matthes seine Eltern an, ihm alles, aber bitte keine Melodica zu schenken.

Für Fans des Helene-Fischer-Sounds und Artverwandtem muss das schrecklich unweihnachtlich klingen. So wenig glückselig, so gar nicht besinnlich! Stattdessen morbid und kaputt. Der Weihnachtsmann trinkt kalte Coca-Cola statt warmen Kakao. Und Jesu Geburt? „Rutsch raus, Hurensohn / Halleluja / Leonard Cohen.“

In Glanzpapier

„Die Erwartungen der Menschen an Weihnachten sind so hoch, dass viele zwangsläufig enttäuscht werden müssen“, sagte Produzent und Bassist Ekimas einmal in einem Interview. Erdmöbel erden genau jene überzogenen Hoffnungen. Sie bauen die Kulisse für ein Weihnachtsfest ohne hochstaplerische Sinnlichkeit. Musikalisch verpacken sie ihr Album dennoch in Glanzpapier. Auf Geschenk +3 klingen die Glöckchen und rasseln die Rasseln, und die Refrains ziehen sich gern über Minuten. Xmas XXL eben. Wenn man aber, schon ohrwurmgeplagt, von der CD aufs Radio umschaltet, läuft im Lokalsender, der das ganze Jahr „die besten Hits aller Zeiten“ spielt, tatsächlich schon wieder Last Christmas. Und plötzlich ist man Erdmöbel nicht mehr böse.

So ganz kann sich Geschenk +3 nicht entscheiden – ob es Weihnachten in den Himmel oder in die Vernichtung musizieren will. Es ist wohl diese Spannung, wegen der einem das Album nicht mehr aus dem Kopf geht. Man muss vermutlich ein geknickter Weihnachtsidealist sein, um Erdmöbel zu verstehen. Doch dann sorgen ihre Lieder für mehr Feststimmung, als alle saisonüblichen Künstlichkeiten es vermögen.

Erschienen auf freitag.de

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Das neue Fußballmuseum: Im Märchenpark des DFB

Eigentlich kann man dem Alleinunterhalter vor dem DFB-Museum keinen Vorwurf machen. Normalerweise ist You’ ll Never Walk Alone in Dortmund eine sichere Nummer. Jedes Wochenende hallt der Song von den Rängen des Stadions. Nur ausgerechnet heute und hier, vor dem soeben eröffneten Fußballmuseum, wirkt er irgendwie fehl am Platz. Vielleicht ahnt das auch der Alleinunterhalter. Aber er scheint ein Profi zu sein, also steht er tapfer auf der Bühne, im Rücken eine potemkinsche Playbackband, und schmettert es heraus: „Walk on, with hope in your heart, and you’ll never walk alone.“

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Der Klunker am Ring: Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund (Foto: DFM)

Fußballtempel ohne Kaiser

Sollte es jemals einen guten Moment für die Eröffnung eines Fußballmuseums gegeben haben: Heute ist es defintiv der falsche. Sonntagmorgen, die Wolken hängen tief. „Fritz-Walter-Wetter“, erklärt eine Gruppe angereister Fußballfans. Es begrüßt sie die Dortmunder Bahnhofsluft: Basisnote kalter Schweiß, Kopfnote verbranntes Öl, Herznote Eibrötchen. Einen Tag zuvor ist der Spiegel erschienen, mit neuen Anschuldigungen gegen den ohnehin schon angeschlagenen DFB. Zwei Hauptakteure der Affäre, Franz Beckenbauer und Günter Netzer, sind der Eröffnungsgala des Museums am Vorabend diskret ferngeblieben.

300.000 Besucher jährlich erhofft man sich, durchschnittlich wird mit einer Verweildauer von vier Stunden gerechnet. Bei einem Eintrittspreis von 17 Euro beträgt die Verweildauer der Dortmund-Fans, die sich am Eröffnungstag der Ticketschlange nähern, aber keine zehn Minuten. 30 Millionen kostete der Bau, der größte Teil wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Auch Sponsoren sind beteiligt, etwa Adidas und Mercedes. Klar, dass das in der Ausstellung mit viel Raum gewürdigt wird.

Die 17-Euro-Sponsoren-Tour

Per Rolltreppe geht es in die „erste Halbzeit“, an den Wänden begleiten Fans verschiedener Clubs in einem riesigen Wimpelbild den Besucher nach oben. Der erste Beitrag zur Fankultur ist Günther Grass, eingehüllt in einen SC Freiburg Schal an die Wand gepinselt. Auf der Fahrt nach oben weicht Grass Otto Waalkes, und das kühle Weiß des Eingangsbereichs der schwarzen Ausstellungsfläche.

In Sachen Ausstellungsdramartugie schießt das Fußballmuseum schon zu Beginn aus allen Rohren. Im ersten Separee steht der WM-Ball von 1954, in der großen Halle teilen sich die Treter von Helmut Rahn die Aufmerksamkeit mit dem Elfmeterpunkt vom WM-Finale 1990 in Rom. Viele der 1.600 Exponate werden hier zum ersten Mal gezeigt. So, wie der Final-Schuh von Mario Götze, an dem immer noch ein Paar Krumen aus dem Maracana-Stadion kleben. In seiner Fülle ist das Fußballmuseum damit einzigartig.

Der Plunder von Bern: Ball im WM 1954 Themenraum (Foto: DFM)
Der Plunder von Bern: Ball im WM 1954 Themenraum (Foto: DFM)

Sechs Tage vor der Eröffnung hatte das Fußballmuseum zu einem Pressetermin geladen. Der Vorplatz war abgesperrt, irgendwo im Gebäude plärrte noch eine Bohrmaschine.  Neukirchener zeigte sich stolz, nicht nur ein Museum, nein, sondern ein „Museum 2.0“ zu leiten. Es gibt große Videoleinwände, Projektionen, interaktive Bildschirme. An einem Terminal können Besucher ihre Schiedsrichterqualitäten unter Beweis stellen, an einer anderen die Tore von Fallrückzieherlegende Klaus Fischer nacherleben. Manchmal, so Neukirchener, breche man bewusst mit den Ebenen des klassischen Museums. Ein „Ballfahrtsort“ wolle man sein. Erlebnisorientiert, aktiv, immer rein in die junge Zielgruppe.

Die Kehrseite der Multimedialität

Eine Kehrseite hat die Multimedialität aber auch. Eigentlich könnte man nur im ersten Teil der Ausstellung gut zwei Stunden verbringen. In einem Seitenraum wird die Geschichte des DDR-Teams beleuchtet, gegenüber führen einzelne Exponate durch 115 Jahre DFB-Geschichte. Doch das hochgelobte Effektkino prescht den Besucher durch die Tour. Sobald das Licht in der Haupthalle verdunkelt wird, strömen Menschen aus den Seitenräumen, nur um einmal auf den Videowänden den Foulelfmeter von Paul Breitner zu sehen. Anschließend schnell rüber in den WM2014-Raum, in dem die Spiele imposant auf einen Ball projiziert werden. Dann ab in den eigenen 3D-Kinosaal, in dem die Weltmeisterhelden mit schauspielerischen Meisterleistungen durch die Turniere von 1952 bis heute führen.

Der Besucher ist permanent auf der Jagd nach neuen Leuchtreklamen. In seiner Ästhetik mag sich das Museum den Erlebnisgewohnheiten der jungen Zielgruppe anpassen, und einzigartig ist die Darstellung auf jeden Fall.  Nur die Ausstellungsstücke wirken neben den blitzenden LED-Bildschirmen häufig seltsam grau.

Dr. Stranglove trifft Systemtheorie: Der Taktikraum (Foto: DFM)
Dr. Stranglove trifft Systemtheorie: Der Taktikraum (Foto: DFM)

Es ist eine Dortmunder Tugend, misstrauisch zu sein, wenn es um die Kommerzialisierung des Fußballs geht. Zu viel hat die Borussia in ihren Krisenjahren verramscht. Allem voran das Westfalenstadion, das schöne Westfalenstadion, das zwar noch aussieht wie immer, aber mittlerweile „Signal-Iduna-Park“ heißt. Als wäre es ein Wellnesstempel, in dem privatversicherte Langzeitrenter ihre Kneipbahnen laufen.

Klar, dass auch das Fußballmuseum nicht von der Dortmunder Skepsis verschont bleibt. Andrerseits ist im vom Struktur- wandel gebeutelten Dortmund im Grunde jeder neue Bau schön. Am Nordausgang des Hauptbahnhofs könnte man problemlos Wir Kinder vom Bahnhof Zoo nachstellen. Da bröckeln hochdekorativ bis dramatisch die Fliesen von der Wand. Für den DFB-Protzbau verschenkt die Stadt derweil ganz locker das Baugrundstück.

Erschienen im Freitag 44/15

Sketch History: Im ZDF wird jetzt Geschichte gemacht

An Guido Knopps ZDF-History war das größte Mysterium immer Guido Knopp selbst. Die einen liebten den charmanten Populärwissenschafter, den anderen kam bei seinen emotionalisierten Adolf-Hitler-Dokumentationen mit nachgestellten Weltkriegsszenen der Kaffee hoch. Wie geht man so ein Erbe an?

Das ZDF tut es mit Humor und schreibt die Geschichte nun einfach um. Die Meuterei auf der Bounty? Ein Aufstand unzufriedener Tausendsassas. Kennedy? Ein potenzgetriebener Schmierlappen, der mal eben den Dritten Weltkrieg anzettelt. Mozart spielt am liebsten Udo Jürgens, und Joseph Goebbels ist ein mieser Witzeerzähler. Klingt abgedreht? Ist es auch. Und verdammt lustig. Sketch History – Neues von gestern startete vergangene Woche im Kielwasser der Heute-show. Die zehnteilige Reihe hat das Potenzial, die Guido-Knopp-Lager zu einen – und gibt dem Vorbild einen ordentlichen Schlag mit.

Brutus, die dumme Römersau

Dafür lässt der Sender wenig anbrennen. Headautor Chris Geletneky schrieb schon für Freitag Nacht, Pastewka und Ladykracher. Die Sets sind abnormal aufwendig, und die Darsteller um Matthias Matschke und Valerie Niehaus (die durch das Gustloff-ZDF-Histotainment Erfahrung mitbringt) imitieren ihre Vorbilder verblüffend echt.

Allen voran Max Giermann, der sich in Switch Reloaded und extra3 schon durch die halbe deutsche Fernsehprominenz imitiert hat. Hier brilliert er als  Gaius Julius Kinski. Der würde am liebsten den ganzen Tag mit Wein und Huren verbringen, wäre da nicht die „römische Scheißvisage“ Brutus (Alexander Schubert). „Ich hau dir deinen beschissenen Lorbeerkranz in deine blöde Fresse, du dumme Römersau, du!“, blafft Cäsar Brutus an, und wedelt mit dem Finger vor seiner Nase, als wäre er gerade am Set von Fitzcarraldo.

Wie Sketch History gegen Knopp schießt

Dass der eine oder andere Sketch gegen Ende auf der Stelle tritt – geschenkt. Denn der eigentliche Witz geht über die bloße Handlung hinaus. Sketch History parodiert den gesamten History-Duktus. Es persifliert das Format und spart dabei nicht mit Kritik: Off-Sprecher Bastian Pastewka ist subjektiv und tendenziös, er interessiert sich mehr für sich als für die Geschichte. „Noch heute faszinieren uns Artus’ Heldensagen — mich jetzt nicht unbedingt, aber vielleicht ja Sie“, erklärt er und entblößt damit das vereinnahmende, alles bevormundende „uns“, mit dem das Histotainment so gern um sich wirft. Und wenn Hitler im Interview als „Entrepeneur und Massenmörder“ verharmlost wird, dann ist das vielleicht nur die logische Weiterführung von melodramatischen Zeitzeugeninterviews zur deutschen Leidensgeschichte.

Reenactment ad absurdum

Das Reenactment, das Nachdrehen historischer Szenen, wie es ZDF-History populär gemacht hat, wird hier ad absurdum geführt. Auf die Wahrheit wird gepfiffen, solange es unterhaltsam ist. Alles ist möglich. Wenn Cäsar nicht aufregend genug ist, wird halt etwas Kinski eingestreut. Besser kann man Kritik an Knopps Geschichtsentertainment nicht ausformulieren.

Gut zwei Millionen Zuschauer sahen die erste Folge. Kein Wunder: Wer die wahre Geschichte kennt, wird über die Sketche genauso lachen wie jemand, der die Bounty für einen Schokoriegel hält. Und wer mit empathischem Histotainment sowieso nie etwas anfangen konnte, sollte erst recht einschalten.

Erschienen auf freitag.de

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#machtan: Warum der WDR mehr an sich selbst glauben sollte

Programmoffensive Der Westdeutsche Rundfunk verjüngt sich – #machtan heißt die 14-tägige Aktion. Und sie schlägt teilweise sogar ein

Wäre der WDR ein Mensch – er befände sich auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis. Eben 50 geworden, wäre er ein wenig versteift und hätte sich wahrscheinlich vor kurzem ein altes Cabrio oder ein teures Hobby zugelegt, um zu betonen, wie hip und jung er geblieben ist. Leider lässt sich die Krise des Westdeutschen Rundfunks nicht einfach mit einem Zweitwagen lösen. Dafür hat sich das alte Haus zum 50. Geburtstag eine „Programmoffensive“ verschrieben. #machtan heißt diese Offensive. 14 Tage lang stellt der Sender sein Fernsehprogramm um, über 30 neue Sendungen wurden dafür produziert. Statt Liebesdramen und Wiederholungen laufen jetzt Internet-Gameshows und Dokutainment. Das Fazit nach einer Woche: Ein bisschen mehr Selbstvertrauen hätte dem WDR gutgetan.

Dabei macht der Sender vieles richtig. Einige der neuen Formate funktionieren ziemlich gut. Mit Meuchelbeck zeigt der WDR die Geschichte eines vergessenen Dorfs am Niederrhein, das eher an David Lynch als Lindenstraße erinnert: Da liegt der Pastor in Todessehnsucht auf der Landstraße, die Wirtin wird verdächtigt, ihren Mann im Gasthof eingemauert zu haben und tote Kühe werden grundsätzlich im offenen Kofferraum des Polizeiautos transportiert. Zwar braucht es etwas, um das staubige Vermächtnis von 50 Jahren Lokalkrimis abzuschütteln. Trotzdem ist Meuchelbeck lustig, makaber und lässt die Rosenheim-Cops ziemlich blass aussehen. Überraschend unterhaltsam ist auch die Dokutainment-Reihe Das Lachen der Anderen. Comedian Oliver Polak und Autor Micky Beisenherz loten die Grenzen des guten Geschmacks aus und verbringen drei Tage mit einer „Randgruppe“, um anschließend ein Stand-up-Programm über sie zu schreiben. So staunen und lachen sie sich durch eine Öko-Kommune – auch wenn der Comedyabend dann mehr wie eine Betriebsfeier wirkt.

Problematisch wird es dafür immer, wenn die jugendliche Ausrichtung zum Zwang wird. Dann, wenn der Sender in einem Anflug von Bequemlichkeit Youtube-Stars und Internet ins Programm holt. Das Projekt Mischen Impossible, in dem Youtuber das alte WDR-Achiv durchstöbern und aufarbeiten, funktioniert vielleicht als achtloses Video für die Abonnenten im Netz. Zur Nachmittagssendung zusammengeschnitten ist die halbstündige Collage aus plappernden Grinsgesichtern aber penetrant nervig. Ein Totalausfall ist auch Gefällt mir, die „total vernetzte“ Gameshow. Deren einzig unterhaltsamer Inhalt: der Gesichtsausdruck von WDR-Urgestein Bernd Stelter, der still auf seinem Kandidatenstuhl sitzt und zwischen diffusen Regeln und Babyvideos die Welt nicht mehr versteht. Mit innovativem Fernsehen hat das nichts zu tun. Es wirkt, als hätte ein gealterter Familienvater in der Programmentwicklung auf den Tisch gehauen und erklärt, auf was „die Kids von heute abfahren“.

Die gesamte Programmoffensive scheint zwischen diesen beiden Polen zu spielen: Auf der einen Seite findet der WDR den Mut und den Witz, zu dem sich das öffentlich-rechtliche Nachmittagsprogramm sonst nicht durchringen kann. Auf der anderen versucht er verzweifelt, Internet-Popkultur zu reproduzieren, die Teenies zurückzuerobern und um jeden Preis dazuzugehören. Dabei liegt der Charme von Youtube gerade darin, authentisch zu sein. Und der Westdeutsche Rundfunk täte gut daran, ebenso authentisch zu sein. Midlife-Crisis hin oder her – der WDR sollte an sich selbst glauben.

Zuerst erschienen auf freitag.de

Keine Klicks für Niedertracht

TV Movie Um Leser für die eigene Webseite zu ködern, hat die Zeitschrift Prominenten Krebs an den Hals gewünscht. Clickbaiting heißt diese Masche, und sie zieht längst nicht mehr

Online-Medienportale arbeiten gern mit Formeln. Seit Aufmerksamkeit im Internet ein knappes Gut ist, folgt das Anbiedern an die Lesenden strikter Mathematik. Jede News-Seite, die etwas auf sich hält, baut ihre Überschriften nach eigenen Variablen. Die Webseite Upworthy rechnet mit Kontroversen, Twists und Cliffhangern. Buzzfeed mit Zahlen, Reizwörtern und Versprechen. „23 Jobs, die du niemals machen solltest, wenn du immer alles kaputt machst“, lautet so eine Überschrift dann. Am Ende der Gleichung steht immer das gleiche Ziel: Leser für die eigene Webseite zu ködern.

Der Preis für die niederträchtigste Masche, um Klicks zu generieren, geht diese Woche an TV Movie. Die postete vor einigen Tagen auf Facebook ein Bild von Stefan Raab, Roger Willemsen, Günther Jauch und Joko Winterscheidt. „Einer dieser TV-Moderatoren muss sich wegen Krebserkrankung zurückziehen“, schrieb die Programmzeitschrift dazu. Wer wissen wollte, welcher der vier Moderatoren erkrankt ist, sollte vorher auf den Link von TV Movie klicken. Das Krebs-Rätseln war selbst der leidgeprüften „Netzgemeinde“ zu viel. Auf Twitter wurde das Blatt viral gebrandmarkt.

Inzwischen hat sich die Zeitschrift zwar entschuldigt, gelernt haben wird sie eher nichts. Denn wie Bildblog dokumentierte, nutzt TV Movie ähnliche Posts schon eine ganze Weile. Dutzende schwarz-weiße „Ruhe in Frieden“-Bilder lädt die Seite bei jeder Gelegenheit hoch, um auch noch das letzte bisschen Aufmerksamkeit aus den Verstorbenen zu quetschen. Man kann nur hoffen, dass sie damit keinen Erfolg hat. Und: In der Tat spricht einiges dagegen.

Denn die Formeln sind überholt. Das Clickbaiting – manipulative Überschriften, um Leser zu gewinnen – hat seine Halbwertzeit überschritten. Die Masche nutzt sich ab, langsam regt sich Widerstand. Facebook überarbeitet seinen News-Algorithmus, um Clickbaiting-Posts filtern zu können. Nutzer machen sich einen Spaß daraus, die Story, die sich hinter dem Link verbirgt, in ihren Facebook-Kommentaren zu verraten.

Der Grund dafür ist simpel: Das große Aha-Erlebnis ist ausgeblieben. Die Überschriften halten ihre vollmundigen Ankündigungen nicht. Niemand, der je auf einen Clickbaiting-Link geklickt hat, war danach so erleuchtet, so glückstrunken, so unglaublich ungläubig, wie es ihm versprochen wurde. Der Leser klickt – und wird konsequent enttäuscht. Und die Überschriften werden immer spektakulärer, immer reißerischer, um mit der wachsenden Skepsis mitzuhalten. Im Fall von TV Movie stößt der Klickwahn an seine ethischen Grenzen. Weil eine Zeitschrift bereit ist, für ein wenig Aufmerksamkeit Menschen den Krebs an den Hals zu wünschen.

Im Austausch für Klicks und Aufmerksamkeit ernten die Webseiten so eine generelle Abwehrhaltung. Medienportale wie Buzzfeed haben das erkannt und setzen immer mehr auf Nachrichten statt Katzenfotos. Dort erfolgen mittlerweile fast ein Drittel der Zugriffe direkt, also ohne Umweg über Social Media. Zum Vergleich: Bei heftig.co, dem deutschen Marktführer für virale Rührbröckchen, sind es gerade mal zwölf Prozent. Und das US-amerikanische vox.com hat gleich eine Evolutionsstufe übersprungen und arbeitet Politik und Kultur webgerecht auf, statt die Leser fehlzuleiten.

Nur die deutschen Seiten um TV Movie und Focus scheinen noch nicht so weit zu sein. Sie verschaukeln damit nicht nur ihre Leser, sondern verspielen auch ihre Glaubwürdigkeit. Langsam wird es Zeit, die Formel zu überarbeiten.

Zuerst erschienen auf freitag.de