Warum das Dschungelcamp den Shark gejumpt hat

Wenn es um Serien geht, gibt es in den US-amerikanischen Medien den Ausdruck „Jumping the Shark“ – den Hai überspringen. Er steht für den Punkt, an dem ein Format seinen kreativen Höhepunkt überschritten hat. Die Formulierung leitet sich aus der Serie Happy Days ab, deren Qualitätsverlust in dem Moment offensichtlich wurde, in dem Hauptfigur Fonzie mit Wasserskiern über einen Hai sprang. Es gibt viele Serien, in denen der Zuschauer einen exakten Punkt ausmachen kann, an dem die Sendung den Shark gejumpt hat. Etwa als Hauptcharakter Eric Forman die wilden Siebziger verließ. Oder als alle Nerds aus Big Bang Theory plötzlich Freundinnen hatten.

Das Dschungelcamp hatte seinen Shark-Moment mit dem Einzug der Kandidaten in der aktuellen Staffel. Jahrelang hatte der Zuschauer die Gewissheit, jeden Abend zwar abgenutzten, aber schadenfrohen TV-Trash serviert zu bekommen. 2017 gibt es keine Schadenfreude. Stattdessen siegt die Einsicht, dass es besser wäre, einfach ins Bett zu gehen. Das hat zwei Gründe.

Der Tarzan-Effekt

Staffel für Staffel sind die einstigen Showdinos (Costa Cordalis, Brigitte Nielsen, Rainer Langhans, Helmut Berger) Protoprominenten gewichen, die sich permanent selbst zu recyceln scheinen. In der elften Auflage sehen wir eine Gruppe, die in Realityformaten groß geworden ist: Kader Loth wurde schon vor Jahren bei Die Burg ins Badewasser gepinkelt. Florian Wess, der „Botox-Boy“, war erst Mitten im Leben und dann mit Helmut Berger zusammen. Und Sarah Joelle und Mallorca-Jens haben vor der Kamera nie etwas anderes gemacht, als Superstar, Schlagerstar oder Auswanderer zu spielen. Keine dieser Personen hat ihr Trash-Image gezwungenermaßen. Eigentlich fühlen sich hier alle pudelwohl – allen voran Alexander „Honey“ Keen, der zwar betont, er habe zwei Bachelor und könne drei Fremdsprachen, dann aber trotzdem lieber schnell damit berühmt werden will, Karies im Backenzahn der letzten Germanys-Next-Topmodel-Gewinnerin gewesen zu sein. Und der letzte noch verbliebene Erstligist, Thomas „Icke“ Häßler? Der schweigt sich aus.

Das Influencer-Diplom

Wer heute noch ins Dschungelcamp geht, geht nicht wegen der Gage von RTL. Ich bin ein Star, holt mich hier raus! hat sich längst zum Trash-Harvard entwickelt, dessen einziges Aufnahmekriterium ein unhaltbarer Drang zur Selbstvermarktung ist. Als Fallstudie reicht ein Blick auf „Honeys“ Instagram-Profil: Honey, halb nackt vor einem Spiegel. Honey, mit einem Martiniglas in der Hand in die Kamera prostend. Honey, putinesk mit wehender Mähne auf einem Pferd. „Honey“ funktioniert wie eine Markenstrategie: Aufmerksamkeit erhöhen, Likes generieren, Conversion steigern. Auf Instagram reichen ein paar tausend Follower, damit Modefirmen und Proteinshake-Companies die Bude einrennen. Vor dem Dschungel war die Marke „Honey“ gerade einmal gut genug, um Aldipullis zu verticken. Im Dschungel steigt sie auf in die Liga der Fitnessriegel und Haarpflegeprodukte.

Trashresistente Prominente, Influencer geile Werbemacher; beides führt dazu, dass es dem Dschungel an dem mangelt, was ihn mal faszinierend gemacht hat: Authentizität (oder zumindest der Anschein davon). In den ersten Staffeln hatte der Zuschauer noch das Gefühl, leidende Prominente zu sehen, die nichts sehnlicher wollen, als zurück in die Heimat zu fliegen. Jetzt sehen sie zehn Eigenmarken, die vorschriftsmäßig um PR buhlen. Statt genüsslichem Voyeurismus erlebt das Publikum eine zweiwöchige Dauerwerbesendung. Manchmal ist es besser, vom Shark gefressen zu werden.

 

Dieser Beitrag erschien im Freitag 03/17.

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Nazis wegwürfeln: Wie die Spiegelbarrikade die Faschos in Dortmund blockierte

Die Spiegelbarrikade am Dortmunder Hauptbahnhof

Wie ein glänzender Sisyphos sieht Artúr van Balen aus, als er den ersten aufgeblasenen Spiegelwürfel schultert. Den Gang leicht nach vorn gelehnt, trägt er den anderthalb Meter großen Folienballon Richtung Dortmunder Nordstadt. Die frühen Sonnenstrahlen brechen sich in dem Würfel und werfen helle Fresken auf die Gesichter der mitlaufenden Gruppe. Griechische Mythologie meets Bee Gees.

Auf den ersten Blick wirkt der Umzug wie ein bizarrer Zirkus. Vor allem in Dortmund – einer Stadt, die betont auf dem Boden geblieben ist, weil jahrelang zu viel unter den Teppich gekehrt wurde. Insbesondere, wenn es um Nazis ging. Heute, am vierten Juni, findet hier der bisher größte Naziaufmarsch des Jahres statt: Der „Tag der deutschen Zukunft“. Fast 1.000 Rechtsradikale werden am Ende durch die Stadtteile Dorstfeld und Huckarde laufen.

Artúr van Balen ist Teil der Künstlergruppe Tools for Action. Gemeinsam mit der Stadt wollen sie sich den Nazis kreativ in den Weg stellen. 108 Würfel aus Spiegelfolie haben sie dazu in den letzten Wochen in Workshops an Schulen und im Schauspielhaus gebaut.

Eddings in Butterkeksdosen

Die meisten Kuben wurden schon am frühen Morgen verliehen, zusammengefaltet in karierten Tragetaschen, sechs Stück pro Tasche. Dazu eine elektrische Luftpumpe und kleine Flicken. Wäre heute keine Demonstration, man könnte die Taschenträger für Stadtguerillas auf Strandurlaub halten. Das Ziel von Artúr und seinen Mitstreitern ist die „BlockaDO“-Gegenveranstaltung am Hafen. Fast 500 Demonstranten treffen sich dort, um auf die Route der Nazis zu gelangen. Für einen Moment gelingt es der Gruppe, der Polizei auszuweichen. Im Laufen ziehen Helfer die ersten Würfel aus den Taschen. Weit kommen sie allerdings nicht. Kurz vor dem Dorstfelder Bahnhof kesselt die Polizei die Nazigegner mit Pfefferspray und Schlagstock ein. Die Barrikade sitzt in der Falle, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat.

Drei Tage zuvor geben Tools for Action im Westfalen-Kolleg ihren letzten Workshop. In der „Cafete“ breiten sie auf großen, massiven Holztischen ihre wichtigsten Materialien aus: Mylar-Isolationsfolie, Klettband, Eddings in dänischen Butterkeksdosen. Wer Profi ist, hat sich aus Folie einen Werkzeuggürtel gebastelt, mit Taschen für Cutter und Panzertape. Katherine ist eine von ihnen. Zusammen mit Artúr hat sie schon die erste Würfelaktion koordiniert. Das war zur Weltklimakonferenz in Frankreich. Dem Mutterland der Barrikade. Mit den Würfeln wollen die Künstler den Pariser Protesten nun ein Update verpassen. Sie sind angepasst an die globalisierte Welt: aufblasbar, leicht durch die Straßen zu tragen und per Post zu verschicken. Ein mobiler Protest. In Portland, New York und London war die Spiegelmauer schon. Die „Barrikade des 21. Jahrhunderts“ nennt Artúr von Balen das.

„In the battle of the spectacle, the Mirror Barricade is a tactical tool for saying NO to xenophobia and racism, and YES to imagining what else might be possible.“ – Tools for Action

Gleichzeitig stärken die Workshops die persönliche Identifikation. Um die Öffnungen der fertigen Würfel haben Schüler mit dicken Filzstiften ihre Namen geschrieben. Die globalisierte Barrikade lebt von ihren Widersprüchen. Ein Wall soll sie ein, eine Mauer auf der Marschroute der Rechtsextremen. Und trotzdem soll sie die Chance lassen, die eigenen Taten zu reflektieren. „Ein Würfelballon hat immer auch etwas Sanftes, Leichtes, Unschuldiges“, sagt Katherine. „Er nimmt dem Protest die Härte.“ In ihren Formationen verzichtet die Künstlergruppe bewusst auf militärische Beschreibungen. Die einfache Wand heißt „Kürbis“, die gestapelte „Doppelkürbis“. Laufen alle Würfel lose durch den Raum, heißt es auf dem Formationszettel „Spaghetti“.

Im Kessel vor dem Dorstfelder Bahnhof will aus den Spaghetti noch kein richtiger Kürbis werden. Weil es ohnehin seit einer halben Stunde nicht weitergeht, entschließen sich Artúr, Katherine und der Brite Dan zum spontanen Aktionstraining. Die Barrikade wird in Richtung Polizei aufgebaut. Wann der Zug weitergehen könne, will Artúr wissen. „Warum steh ich wohl hier?“, gibt ein Polizist schroff zurück. Sekunden später nimmt das Aktionstraining ein jähes Ende: Demonstranten drücken die Barrikade in die Hundertschaft, Spiegelfolie trifft auf Polizeiuniform. Würfel fliegen durch die Luft und zwischen die Bäume auf der anliegenden Rasenfläche. Mit Schlagstöcken stechen die Polizisten Löcher in die Barrikade und hämmern auf die glitzernden Fetzen ein. Nach wenigen Minuten ist das Schauspiel vorbei. Die Würfel haben die Seite gewechselt. Wie gestürzte Drachen liegen sie hinter den Linien der Polizei.

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„Die Spiegelwürfel wurden vereinzelt von linksautonomen Gewalttätern als Schutzbewaffnung eingesetzt“, twittert die Polizei Dortmund kurz darauf. Artúr van Balen kann ein wenig Enttäuschung nicht verbergen. Er habe sich mehr Aktionsvermögen erhofft, sagt er. „Wir hätten mehr Glanz machen können.“ Heike, die sich mit ihren Freundinnen morgens eine Tragetasche ausgeliehen hatte, hat zwischen den Bäumen einen kaputten Würfel gefunden und beginnt ihn vorsichtig zu flicken. Entsetzt sei sie über den Polizeieinsatz, und wütend. Weil die letzten Leute, denen der Spiegel vorgehalten worden ist, nicht die Nazis, sondern die Polizisten gewesen sind.

Als der Kessel dann endlich geöffnet wird, sammelt sich die Barrikadengruppe erneut. Dan wartet mit einem Milcheis in der Hand abseits der Polizeiwannen. „Wir mussten uns durchdrücken“, stellt er trocken fest, „wir konnten ja nicht bis zum Scheißmittagessen hier festsitzen.“ Am Nachmittag gelingt es schließlich auch Artúr, ein versöhnliches Ende zu finden. In Huckarde haben einige Studenten ihre Barrikade aufgebaut. Und so kann zumindest noch eine kleine Formation stattfinden. Von 108 Würfeln sind gerade mal 40 geblieben. Am Montag wollen sie die kaputten Reste bei der Polizei abholen. Und dann beginnt für Dan, Katherine und Artúr die Sisyphosarbeit von vorn.

Erschienen im Freitag 23/16

Melden ist Pflicht: In Shanghai können Eltern ihre Kinder verklagen

Ginge es nach Mutter, könnte ich jeden Tag zum Essen kommen. Denn Mütter beschweren sich in der Regel nicht über unangemeldeten Besuch. Dafür sind sie aber sehr penibel, wenn man zu selten kommt. In Shanghai können sie dabei nun gerichtliche Hilfe bekommen. Dort schreibt ein neues Gesetz erwachsenen Kindern vor, ihre Eltern regelmäßig zu besuchen oder sich bei ihnen zu melden.

Fühlen sich Eltern vernachlässigt, können sie ihren Nachwuchs verklagen. Im schlimmsten Fall droht der Verlust der Kreditwürdigkeit. Unachtsame Kinder riskieren also ihre finanzielle Unabhängigkeit. Sie haben schon wieder den Geburtstag ihrer Mutter vergessen? Das war’s dann wohl mit dem Traum vom Eigenheim. Was sich anhört wie Taschengeldentzug 2.0, hat indes einen ernsten Kern: Die Bevölkerung Shanghais wird immer älter. Schon jetzt sind 30 Prozent der Einwohner über 60 Jahre alt, Tendenz steigend. Zudem werden viele Familien durch Wanderarbeit auseinandergerissen. Beschwerden wegen „Vernachlässigung“ gären deshalb schon länger. Jetzt soll durch Kreditbewertungen Druck ausgeübt werden.

In the Villages wird Familie outgesourct

Überalterung und mangelnde familiäre Unterstützung sind jedoch kein rein chinesisches Problem. Tatsächlich steht der Westen vor ähnlichen Fragen. Wie sollen wir mit unseren Älteren umgehen? Unsere Musterlösung heißt: Outsourcing. Altersheime öffnen reihenweise ihre extrabreiten Glastüren. Die Kleinwagen ambulanter Pflegedienste gehören zum Stadtbild. Der chinesische Ansatz wirkt gleichermaßen absurd wie autoritär – ist unsere Alternative aber wirklich so viel besser? Wie unsere outgesourcte Pietät in Reinkultur aussieht, zeigt sich etwa in „The Villages“, einer Rentnerstadt im Rentnerstaat Florida.

Hier leben Pensionäre in einem ganzjährigen Altherrentraum. Man fährt Golfkart, geht zum Bingo und im Radio läuft Werbung für billige Viagra-Kopien. Wer alleine kommt, sucht sich schnell einen gut betuchten Partner. Die Straßen sind blitzblank, der Rasen adäquat getrimmt und ordnungsgemäß eingezäunt. Ihren zweiten Frühling im Sunshine-State verteidigen die Premiumrentner mit Schranken und Sicherheitsleuten. Gegen Kriminelle, weniger solvente Artgenossen und vor allem: gegen Kinder. Denn die plärren, lärmen und haben in der Gated Gerontokratie sowieso nichts zu suchen. In „The Villages“ würde niemand seinen Nachwuchs wegen Vernachlässigung verklagen. Die gehört hier vielmehr zum guten Ton.

Cluburlaub vs. Klagewelle

Sieht man diese Fälle als Tendenzen einer globalen Entwicklung, steuern wir also auf zwei Extreme zu: Shanghai löst das Problem mit paternalistischer Härte, im libertären Florida regelt es der entfesselte Markt. Entweder Sie lassen sich von Ihren Eltern die Kreditwürdigkeit entziehen oder nutzen ihren makellosen Schufa-Eintrag, um diese mittels eines hermetischen Club-Urlaubs im Rentnercamp ruhigzustellen.

Mutter wäre sicher mit keinem von beiden zufrieden. Denn ein vernünftiges Generationenverhältnis entwickelt sich weder durch staatlichen Zwang noch durch den Markt. In China bräuchte es deshalb keine paternalen Anweisungen, sondern staatliche Unterstützung. Und den Bewohnern von „The Villages“ würde ein Kindergarten vermutlich besser tun als ein Golfplatz. So entstünde wahrscheinlich ein Mittelweg zwischen Gerichtsprozess und Golfkart. Und jetzt rufen Sie Ihre Eltern an. Die haben bestimmt noch Essen auf dem Herd.

Zuerst erschienen auf freitag.de

Veröffentlicht in Text

Drama am Buffet: Wenn das Catering zum Klassenkampf wird

Aktionärsversammlungen sind selten ein Genuss. Die meiste Zeit sitzen die Anleger zusammengesunken in ihren Stühlen, grunzen zustimmend, schnaufen ablehnend, und warten darauf, dass das Catering beginnt. Dabei werden die besten Geschichten sowieso nicht am Rednerpult, sondern am Buffet geschrieben. Wie vor einigen Tagen bei Daimler. Dort servierte man den 5.500 Anteilseignern zu Mittag rund 12.500 sogenannte Saitenwürschtle. Was folgte, war eine durch und durch schwäbische Tragödie.

So soll ein Aktionär (Akt I, Exposition) gleich mehrmals Würstchen zum Mitnehmen in eine Tüte gesteckt haben. Zu viel Unrecht für eine weitere Anteilseignerin, die den Kollegen auf seine Naturaliendividende ansprach (Akt II, sie merken sicher das erregende Moment). Der Schlagabtausch verschärfte sich (Akt III, Klimax), bis die Berliner Polizei den Konflikt lösen musste. Der Würstchendieb wurde zur Rede gestellt (Akt IV, Retardation), worauf die Anteilseignerin Strafanzeige (Akt V, Katastrophe) wegen Beleidigung stellte. Aristoteles hätte bei dieser Regeldramatik feuchte Augen bekommen. Ob die Protagonisten nun abschließend kathartisch geläutert sind, bleibt offen.

Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff kündigte jedenfalls an, nächstes Jahr entweder mehr oder gar keine Würstchen mehr anzubieten. Es gilt jedoch als ziemlich sicher, dass die Aktionäre lieber auf die Dividende denn auf die Saitenwürschtle verzichteten.

Aber kann man unserem schwäbischen Helden nun wirklich böse sein? Immerhin ist er auch nur das arme Würstchen am Bändel der Großkonzerne. Und wenn man ehrlich ist, gibt es auch gute Gründe für den Fleischklau.

Stichwort Panama Papers: Im Gegensatz zu Finanzhaien, die ihr Geld in Steueroasen verschiffen, ist ein Anleger, der am Daimlerbuffet Würstchen hamstert, ein eher überschaubares Problem. Am Ende will er wahrscheinlich einfach nur einen Snack für die Rückfahrt. Und zwar nicht in der S-Klasse, sondern im 2.-Klasse-Waggon. Vielleicht sogar im Reisebus. Zudem besitzt er vermutlich keine Briefkastenfirma. Ja, gut möglich, dass der würstchenklauende Kleinanleger sogar Steuern zahlt. Hier, bei Daimler, zwackt er sich deshalb nur ein Quantum Genugtuung ab. Die Tupperdose ist die Briefkastenfirma des kleinen Mannes.

Glaubt man den Stuttgarter Nachrichten, ist unser schwäbischer Protagonist aber nur die Spitze des Eisbergs.In Berlin habe sich mittlerweile eine „Hardcore-Szene“ aus Rentnern etabliert, die ihren „Tagesplan am Hauptversammlungsgeschehen“ (genauer: dem Hauptversammlungs-Catering) ausrichtete. Diese Szene ist weder rechts noch links, sie hat einfach Hunger. Sie futtert sich durch die Messehallen wie Termiten durch einen Ikea. Eine kulinarische Querfront, die begriffen hat, dass Steuerschulden und überhöhte Bonuszahlungen nicht vor Gericht, sondern am Buffet beglichen werden.

Wenn Sie glauben, hier würde sich über Buffetdiebe lustig gemacht, liegen Sie falsch. Wissen Sie was? Vergessen Sie das „überschaubare Problem“. Buffet-Hooligans sind eine ernstzunehmende Gefahr. Laut dem ehemaligen Finanzvorstand von Beiersdorf, Ulrich Schmidt, gehen rund zehn Prozent der Kosten einer Hauptversammlung nur für das Catering drauf. Zehn Prozent! Wenn der Gefrierbeutel erst zur Standardausrüstung wird, war’s das mit den dicken Boni. Dann schieben sich die Aktionäre Würstchen rein, und der Vorstand nagt am Hungertuch.

Da kann man ruhig schon mal die Polizei rufen.

Jon von Tetzchner, Internetvirtuose

Jon von Tetzchner ist ein digitaler Veteran. 1995, in den goldenen Netscape-Jahren, gründete der isländische Programmierer Opera Software. Das Unternehmen wurde zu einem der vier großen Browserfirmen. 2011 verließ Tetzchner Opera. Jetzt bläst er mit seinem neuen „Vivaldi“-Browser zum Gegenangriff. Eine schwierige Mission in einem hart umkämpfen Markt.

Es dauert einen Moment, bis Tetzchner den Anruf annimmt. Es ist neun Uhr morgens in Boston. Er sitzt in einem hellen Büro ­– lockeres Sacko, verwuschelte Haare. Ziemlich bescheiden für jemanden, der die Browserwelt übernehmen will.

Jon, ganz ehrlich: Wer braucht im Jahre 2016 noch einen neuen Browser?

Es gibt mehr als drei Millionen Menschen im Internet. Man kann davon ausgehen, dass nicht jeder den gleichen Geschmack hat, und nicht jeder das gleiche will. Man braucht eine Auswahl.

Was wir aber sehen, ist: Alle großen Browser gehen in dieselbe Richtung. Es gibt diesen Trend, alles so simpel wie möglich zu halten, um den Nutzer bloß nicht zu überfordern. Opera ist diesen Weg gegangen – Google und Microsoft natürlich auch. Mozilla hat angekündigt, das gleiche zu tun. Dadurch sehen alle Browser ziemlich gleich aus. Sie sind optimiert für Einsteiger.

Bei Vivaldi sehen wir den Browser als ein Werkzeug.

Und was macht Vivaldi anders?

Vivaldi hat ein nutzerzentriertes Design. Wir möchten uns dem User anpassen. Ich glaube, das Credo der anderen Browser ist: „Lasst uns ein möglichst einfaches Programm bauen, das durch die Suchmaschinen läuft und Dinge findet.“ Bei Vivaldi sehen wir den Browser eher als ein Werkzeug. Für Nutzer, denen Funktionalität wichtig ist, und die den Browser ihren Gewohnheiten anpassen wollen.

Das hört sich nach einer Neuauflage des alten Opera-Browsers an…

Wir haben ein paar gute Sachen bei Opera gemacht. Und es gab eine Menge Leute, denen das gefallen hat. Als sich Opera entschieden hat, in die gleiche Richtung wie alle anderen zu gehen, haben sie viele Leute zurückgelassen.

Also ein neuer Browser für Opera-Nostalgiker?

Natürlich fangen wir bei den Leuten an, die schon vorher Opera genutzt haben. Es gibt 60 Millionen User, und viele von denen arbeiten immer noch mit Opera 12, obwohl es schon seit Jahren kein richtiges mehr Update gab.

Gleichzeitig merkten wir aber, dass es eine Menge Nutzer gibt, die noch nie Opera hatten. Aber ihnen gefällt die Idee eines üppigen Browsers, der mehr kann, als nur Fenster zu öffnen. Wir haben also etwas für die alten Opera-Nutzer und für die, die auf eine neuere Versionen gewechselt haben. Und wir haben etwas für Leute, die einfach finden, dass ein Browser mehr können sollte.

 

Auf der anderen Seite müsst ihr natürlich profitabel werden. Wie sieht ein erfolgreiches Geschäftsmodell für Browser aus?

Kommt darauf an, ob du eine Mobile oder PC-Version hast. Bei PCs ist es ziemlich einfach: Du stellst einen Browser ins Netz. Kostenlos. Womit du Geld verdienst, sind Affiliate-Partner wie Suchmaschinen.

"Ich brauche keine Investoren"
„Ich brauche keine Investoren“

Ist das Modell nicht überholt? Marktführer wie Google haben schließlich mittlerweile ihre eigenen Browser.

Ja, Google hat Chrome gebaut. Vorher haben sie einen guten Anteil an uns gezahlt. Auch Mozilla hat Yahoo als Standard-Suchmaschine.

Klar, da gibt es kein großes Einkommen pro User pro Jahr. Bei Opera war es ungefähr ein Dollar. Also keine riesen Menge Geld. Aber wenn du genug Nutzer hast, funktioniert das Modell. Bei Vivaldi brauchen wir ein paar Millionen Menschen, um ins Plus zu kommen. Ich denke, die Zahl ist realistisch.

Ist sie? Ihr seid immerhin ein Nischenprodukt.

Natürlich wird das kein Spaziergang. Wir müssen ins Gespräch kommen. Aber das Feedback, das wir bekommen, ist großartig. Und weil wir uns nur auf eine bestimmte Nutzergruppe beschränken, funktioniert das alles ziemlich gut.

Das Schöne an Afilliate-Deals ist, dass die richtigen Partner den Nutzern mit ihren Features zugute kommen können. Und weil wir nur über kleine Beträge sprechen, müssen wir nicht irgendeinen Blödsinn machen.

Es scheint, als wärst du kein großer Freund von Investoren. Wie kommt’s?

Naja, als ich Opera aufgebaut habe, haben wir sukzessiv Investoren reingeholt. Aber wir hatten Pech und einige Investoren waren nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.

Ab da gab es ständig Grabenkämpfe, weil sie die Firma verkaufen wollten. Und das hat für eine wahnsinnig schlechte Atmosphäre gesorgt. Das ist einer der Gründe, warum ich die Firma letztendlich verlassen habe. Es war einfach zu viel. Ein permanenter Kampf.

Mit Vivaldi ist es anders. Schließlich finanzierst du die Firma komplett selbst, richtig?

Bei Vivaldi wollte ich nicht den gleichen Fehler noch mal machen. Wir möchten uns darauf konzentrieren, den besten Browser für unsere Nutzer zu bauen. Das ist alles. Natürlich müssen wir mittelfristig wirtschaftlich werden, aber wir brauchen keine Traumwerte. Wir müssen die Rechnungen bezahlen und werden hoffentlich profitabel, aber es ist kein finanzielles Ding. Das ist nicht der Grund, warum ich es mache.

Das hört sich sehr ideologisch an…

So geht es ja jedem, der eine eigene Firma gründet. Du willst die Kontrolle über deinen Schreibtisch haben. Aber sobald du Investoren ins Boot holst, gibt es dann andere Dinge, über die du dir Gedanken machen musst.

Natürlich haben viele Start-ups keine andere Wahl. Die brauchen Investoren, um loszulegen. Aber ich brauche das nicht. Also ist es ziemlich einfach: Ich hole sie mir erst gar nicht erst rein. Wir haben lieber alles selbst unter Kontrolle, um in die Richtung zu tragen, von der wir glauben, dass es die richtige für uns und unsere Nutzer ist.

Opera war geschätzt für seinen Presto-Kernel. Bei Vivaldi nutzt ihr jetzt Googles Blink. Plant ihr, wieder einen eigenen Kern zu entwickeln?

Nein. Wenn du realistisch bist, dann hat in den letzten 20 Jahren niemand einen neuen Browser von Null gebaut. Und es gibt auch einen Grund, warum das weder Apple noch Google gemacht haben: Es ist einfach wahnsinnig schwer.

Bei Opera habt ihr es aber gemacht…

…und wir hatten ein Team von 100 Leuten, die ausschließlich am Kern gearbeitet haben. Natürlich ist es möglich, wenn du die Mittel und die Zeit dafür hast. Aber selbst dann musst du dich noch ewig mit Kompatibilitätsproblemen rumschlagen. Ich fand, dass wir damals bei Opera weiter daran hätten tüfteln sollen. Aber das hätte noch mehr Arbeit erfordert. Und das hat dann das Management gestoppt.

Jetzt, mit unserem kleinen Vivladi-Team, würde es Jahre dauern, um einen neuen Browser aus dem Nichts zu entwickeln. Da macht es mehr Sinn, einen funktionieren Kern zu nutzen und ihn mit der Zeit unseren Bedürfnissen anzupassen. Letzten Endes hat es Google genauso gemacht. Die haben WebKit von Apple übernommen. Und Apple hat es eigentlich von KDE. So entwickelt es sich.

Wir konzentrieren uns erst mal auf die Benutzeroberfläche, und da liegt jede Menge Arbeit vor uns. Wir haben einige Millionen Downloads und ein paar hunderttausend aktive User. Ich finde das ziemlich gut für etwas, was immer noch unfertig ist.

Wo wir gerade dabei sind: Wann wollt ihr Vivaldi aus der Beta-Phase heben?

Die übliche Antwort ist: Wenn es fertig ist. Wir versuchen es so schnell wie möglich durchzukriegen. Und wenn man darüber nachdenkt, dass wir schon zwei Betas hatten, geht es langsam in die heiße Phase. Unsere Nutzer sagen uns, dass wir kurz davor sind.

Wie sieht es mit einer Mobile-Version aus?

Mobile ist etwas, über das wir schon nachgedacht und etwas Zeit hinein investiert haben. Aber wir sind nur ein kleines Team und fangen klein an. So haben wir uns für die Desktop-Ecke entschieden. Wir denken einfach, dass da kurzfristig die größere Nachfrage ist. Aber Mobile ist auf dem Schirm und wir arbeiten dran.

 

Erschienen auf digtator.de

Rutsch raus, Hurensohn: Wenn geknickte Idealisten ein Weihnachtsalbum machen

Die Kölner Band Erdmöbel legt mit „Geschenk +3“ ein weihnachtliches Anti-Weihnachtsalbum vor.

Helene Fischer hat ein Weihnachtsalbum aufgenommen, zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Stille Nacht ist drauf und Ave Maria. Und Vom Himmel hoch, da komm ich her, im Duett mit Xavier Naidoo. Ob in Shoppingzentren oder im Privatfernsehen, man kommt in diesen Tagen nicht an dem Werk vorbei. In 35 Songs manifestiert ein blonder Weihnachtsengel den zuckerglasierten Liederkanon zum Weihnachtsfest. In der „Deluxe Edition“ kriegt man noch zwei Christbaumkugeln obendrauf.

Nicht wenige Menschen blubbern bei so viel Besinnlichkeit spontan Lebkuchenkotze in den Glühweinbecher. Musikalisch gesehen herrscht an Weihnachten in Deutschland ein schmerzlicher kreativer Stillstand. In vielen Haushalten klebt auf der letzten Weihnachts-CD immer noch der DM-Preis.

Die Einzigen, die das stilvoll ändern können, sind Erdmöbel. Die Kölner Band rennt seit 2007 gegen den zimtsternsüßen Stillstand an. „Weihnachten, ist mir doch egal“ sangen sie damals auf die Melodie von Whams Last Christmas. Seitdem hat die Band jedes Jahr einen Song zum Thema veröffentlicht. 2014 folgte das Weihnachtsalbum Geschenk. Mit Geschenk +3 wagen die Musiker jetzt, nur ein Jahr später, die Wiederveröffentlichung – mit drei zusätzlichen, neuen Songs. Es ist, als bekäme man die gleiche Uhr geschenkt wie letztes Jahr, nur diesmal mit schönerem Armband. Aber vielleicht ist es einfach höchste Zeit, einen eigenen, einen Anti-Helene-Weihnachtskanon zu bauen, ganz strategisch.

Geschenk + 3 ist ein Album voller bittersüßer Widerspruche. Der erste Song heißt Goldener Stern, das Weihnachtsfest beginnt da nicht unter dem Baum, sondern im Warenhaus: Der goldene Stern dreht sich im Schaufenster, der kleine Jesus sucht im Rabattchaos seinen Papa. In Melodica, eines der drei neuen Stücke, fleht Gastsänger Ulrich Matthes seine Eltern an, ihm alles, aber bitte keine Melodica zu schenken.

Für Fans des Helene-Fischer-Sounds und Artverwandtem muss das schrecklich unweihnachtlich klingen. So wenig glückselig, so gar nicht besinnlich! Stattdessen morbid und kaputt. Der Weihnachtsmann trinkt kalte Coca-Cola statt warmen Kakao. Und Jesu Geburt? „Rutsch raus, Hurensohn / Halleluja / Leonard Cohen.“

In Glanzpapier

„Die Erwartungen der Menschen an Weihnachten sind so hoch, dass viele zwangsläufig enttäuscht werden müssen“, sagte Produzent und Bassist Ekimas einmal in einem Interview. Erdmöbel erden genau jene überzogenen Hoffnungen. Sie bauen die Kulisse für ein Weihnachtsfest ohne hochstaplerische Sinnlichkeit. Musikalisch verpacken sie ihr Album dennoch in Glanzpapier. Auf Geschenk +3 klingen die Glöckchen und rasseln die Rasseln, und die Refrains ziehen sich gern über Minuten. Xmas XXL eben. Wenn man aber, schon ohrwurmgeplagt, von der CD aufs Radio umschaltet, läuft im Lokalsender, der das ganze Jahr „die besten Hits aller Zeiten“ spielt, tatsächlich schon wieder Last Christmas. Und plötzlich ist man Erdmöbel nicht mehr böse.

So ganz kann sich Geschenk +3 nicht entscheiden – ob es Weihnachten in den Himmel oder in die Vernichtung musizieren will. Es ist wohl diese Spannung, wegen der einem das Album nicht mehr aus dem Kopf geht. Man muss vermutlich ein geknickter Weihnachtsidealist sein, um Erdmöbel zu verstehen. Doch dann sorgen ihre Lieder für mehr Feststimmung, als alle saisonüblichen Künstlichkeiten es vermögen.

Erschienen auf freitag.de

Veröffentlicht in Text

Das neue Fußballmuseum: Im Märchenpark des DFB

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Eigentlich kann man dem Alleinunterhalter vor dem DFB-Museum keinen Vorwurf machen. Normalerweise ist You’ ll Never Walk Alone in Dortmund eine sichere Nummer. Jedes Wochenende hallt der Song von den Rängen des Stadions. Nur ausgerechnet heute und hier, vor dem soeben eröffneten Fußballmuseum, wirkt er irgendwie fehl am Platz. Vielleicht ahnt das auch der Alleinunterhalter. Aber er scheint ein Profi zu sein, also steht er tapfer auf der Bühne, im Rücken eine potemkinsche Playbackband, und schmettert es heraus: „Walk on, with hope in your heart, and you’ll never walk alone.“

Fußballtempel ohne Kaiser

Sollte es jemals einen guten Moment für die Eröffnung eines Fußballmuseums gegeben haben: Heute ist es defintiv der falsche. Sonntagmorgen, die Wolken hängen tief. „Fritz-Walter-Wetter“, erklärt eine Gruppe angereister Fußballfans. Es begrüßt sie die Dortmunder Bahnhofsluft: Basisnote kalter Schweiß, Kopfnote verbranntes Öl, Herznote Eibrötchen. Einen Tag zuvor ist der Spiegel erschienen, mit neuen Anschuldigungen gegen den ohnehin schon angeschlagenen DFB. Zwei Hauptakteure der Affäre, Franz Beckenbauer und Günter Netzer, sind der Eröffnungsgala des Museums am Vorabend diskret ferngeblieben.

300.000 Besucher jährlich erhofft man sich, durchschnittlich wird mit einer Verweildauer von vier Stunden gerechnet. Bei einem Eintrittspreis von 17 Euro beträgt die Verweildauer der Dortmund-Fans, die sich am Eröffnungstag der Ticketschlange nähern, aber keine zehn Minuten. 30 Millionen kostete der Bau, der größte Teil wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Auch Sponsoren sind beteiligt, etwa Adidas und Mercedes. Klar, dass das in der Ausstellung mit viel Raum gewürdigt wird.

Die 17-Euro-Sponsoren-Tour

Per Rolltreppe geht es in die „erste Halbzeit“, an den Wänden begleiten Fans verschiedener Clubs in einem riesigen Wimpelbild den Besucher nach oben. Der erste Beitrag zur Fankultur ist Günther Grass, eingehüllt in einen SC Freiburg Schal an die Wand gepinselt. Auf der Fahrt nach oben weicht Grass Otto Waalkes, und das kühle Weiß des Eingangsbereichs der schwarzen Ausstellungsfläche.

In Sachen Ausstellungsdramartugie schießt das Fußballmuseum schon zu Beginn aus allen Rohren. Im ersten Separee steht der WM-Ball von 1954, in der großen Halle teilen sich die Treter von Helmut Rahn die Aufmerksamkeit mit dem Elfmeterpunkt vom WM-Finale 1990 in Rom. Viele der 1.600 Exponate werden hier zum ersten Mal gezeigt. So, wie der Final-Schuh von Mario Götze, an dem immer noch ein Paar Krumen aus dem Maracana-Stadion kleben. In seiner Fülle ist das Fußballmuseum damit einzigartig.

Der Plunder von Bern: Ball im WM 1954 Themenraum (Foto: DFM)
Der Plunder von Bern: Ball im WM 1954 Themenraum (Foto: DFM)

Sechs Tage vor der Eröffnung hatte das Fußballmuseum zu einem Pressetermin geladen. Der Vorplatz war abgesperrt, irgendwo im Gebäude plärrte noch eine Bohrmaschine.  Neukirchener zeigte sich stolz, nicht nur ein Museum, nein, sondern ein „Museum 2.0“ zu leiten. Es gibt große Videoleinwände, Projektionen, interaktive Bildschirme. An einem Terminal können Besucher ihre Schiedsrichterqualitäten unter Beweis stellen, an einer anderen die Tore von Fallrückzieherlegende Klaus Fischer nacherleben. Manchmal, so Neukirchener, breche man bewusst mit den Ebenen des klassischen Museums. Ein „Ballfahrtsort“ wolle man sein. Erlebnisorientiert, aktiv, immer rein in die junge Zielgruppe.

Die Kehrseite der Multimedialität

Eine Kehrseite hat die Multimedialität aber auch. Eigentlich könnte man nur im ersten Teil der Ausstellung gut zwei Stunden verbringen. In einem Seitenraum wird die Geschichte des DDR-Teams beleuchtet, gegenüber führen einzelne Exponate durch 115 Jahre DFB-Geschichte. Doch das hochgelobte Effektkino prescht den Besucher durch die Tour. Sobald das Licht in der Haupthalle verdunkelt wird, strömen Menschen aus den Seitenräumen, nur um einmal auf den Videowänden den Foulelfmeter von Paul Breitner zu sehen. Anschließend schnell rüber in den WM2014-Raum, in dem die Spiele imposant auf einen Ball projiziert werden. Dann ab in den eigenen 3D-Kinosaal, in dem die Weltmeisterhelden mit schauspielerischen Meisterleistungen durch die Turniere von 1952 bis heute führen.

Der Besucher ist permanent auf der Jagd nach neuen Leuchtreklamen. In seiner Ästhetik mag sich das Museum den Erlebnisgewohnheiten der jungen Zielgruppe anpassen, und einzigartig ist die Darstellung auf jeden Fall.  Nur die Ausstellungsstücke wirken neben den blitzenden LED-Bildschirmen häufig seltsam grau.

Dr. Stranglove trifft Systemtheorie: Der Taktikraum (Foto: DFM)
Dr. Stranglove trifft Systemtheorie: Der Taktikraum (Foto: DFM)

Es ist eine Dortmunder Tugend, misstrauisch zu sein, wenn es um die Kommerzialisierung des Fußballs geht. Zu viel hat die Borussia in ihren Krisenjahren verramscht. Allem voran das Westfalenstadion, das schöne Westfalenstadion, das zwar noch aussieht wie immer, aber mittlerweile „Signal-Iduna-Park“ heißt. Als wäre es ein Wellnesstempel, in dem privatversicherte Langzeitrenter ihre Kneipbahnen laufen.

Klar, dass auch das Fußballmuseum nicht von der Dortmunder Skepsis verschont bleibt. Andrerseits ist im vom Struktur- wandel gebeutelten Dortmund im Grunde jeder neue Bau schön. Am Nordausgang des Hauptbahnhofs könnte man problemlos Wir Kinder vom Bahnhof Zoo nachstellen. Da bröckeln hochdekorativ bis dramatisch die Fliesen von der Wand. Für den DFB-Protzbau verschenkt die Stadt derweil ganz locker das Baugrundstück.

Erschienen im Freitag 44/15